Aktuelles Recklinghausen

Unter der Regie der Auszubildenden der Stadtverwaltung engagierten sich mehrere Schulen, der Jugendtreff Hillerheide sowie weitere Unterstützer*innen bei der Aktion.
Auch Bürgermeister Axel Tschersich und Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen waren dabei. Der gemeinsame Auftakt fand am Polizeipräsidium am Westerholter Weg 27 statt.
Der Termin wurde auf Vorschlag der städtischen Auszubildenden bewusst in das Vorfeld des Gedenkens an den 9. November gelegt. Die Pogrome vom 9. November 1938 markierten einen entscheidenden Einschnitt in der systematischen Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten.
„Erinnerungskultur lebt davon, dass wir sie aktiv gestalten und an die nächste Generation weitergeben. Die Stolpersteine machen die Schicksale der Menschen sichtbar, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt, misshandelt und ermordet wurden. Jeder einzelne Stein erinnert an ein individuelles Leben und mahnt uns, Verantwortung für unsere Geschichte und unsere Gegenwart zu übernehmen. Es ist deshalb ein wichtiges Zeichen, dass sich gerade junge Menschen an dieser Aktion beteiligen. Denn wir dürfen nicht vergessen, was geschehen ist, damit sich so etwas niemals wiederholt“, sagte Bürgermeister Axel Tschersich.
Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen, die sich seit Jahren offensiv für eine aktive Gedenkkultur engagiert, freute sich ebenfalls über das Engagement der Initiator*innen: „In einer Zeit, in der extreme und populistische Meinungen zunehmend Verbreitung finden, ist die aktive Auseinandersetzung mit unserer Geschichte unverzichtbar. Erinnerung darf nicht zur bloßen Tradition werden. Sie muss unser tägliches Handeln bestimmen und mahnt uns Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft zu übernehmen. Auch mit unserer Ausstellung ,Wir erinnern‘ setzten wir uns bewusst mit der Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus auseinander. Wir stehen in der Verantwortung für eine demokratische Polizei, die dem Schutz der Menschenwürde, der Freiheit und der demokratischen Grundordnung verpflichtet ist.“
Der Auftakt der Putzaktion fand an den ersten beiden Stolpersteinen statt, die 2014 in Recklinghausen verlegt wurden. Sie erinnern vor dem Polizeipräsidium an Heinrich Josef Vörding und Albert Funk. Beide waren politische Gegner des NS-Regimes und wurden 1933 von der Gestapo verhaftet und im Polizeipräsidium schwer misshandelt. Heinrich Josef Vörding starb am 29. Juli 1933 nach einem Sturz aus dem dritten Stock des Gebäudes. Albert Funk überlebte seinen Sturz am 27. April 1933 zunächst schwer verletzt, erlag aber noch am selben Tag seinen Verletzungen im Prosper-Hospital. Im Rahmen des Auftakts wurde auch an die Lebensgeschichten der beiden Männer erinnert.
Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister und die Polizeipräsidentin, die selbst die Stolpersteine vor dem Präsidium reinigten, verteilten sich die Teilnehmenden auf verschiedene Standorte im Stadtgebiet, um dort weitere Stolpersteine zu reinigen. Mit dabei waren Auszubildende und Mitarbeitende der Stadtverwaltung, Schüler*innen der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, des Hittorf-Gymnasiums, des Marie-Curie-Gymnasiums, der Gesamtschule Suderwich sowie des Theodor-Heuss-Gymnasiums und Jugendliche des Jugendtreffs Hillerheide. Auch die Volkshochschule unterstützte die Aktion.
Info Stolpersteine: Das Kunstprojekt des Künstlers Gunter Demnig erinnert seit den 1990er Jahren an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt, deportiert, vertrieben, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Die kleinen Messingtafeln werden meist vor dem letzten frei gewählten Wohnort der Opfer in den Gehweg eingelassen. Jeder Stolperstein trägt den Namen eines Menschen und gibt den Opfern damit ihre Individualität zurück. Dies geschieht als bewusstes Zeichen gegen die nationalsozialistische Ideologie, die Menschen zu Nummern machen wollte.
Auch in Recklinghausen ist das Projekt ein wichtiger Bestandteil der städtischen Erinnerungskultur. Der Rat der Stadt beschloss 2014, die Schicksale der NS-Opfer durch die Aufarbeitung ihrer Biografien und die Verlegung von Stolpersteinen sichtbar zu machen. Die recherchierten Lebensgeschichten werden auch im Online-Gedenkbuch der Stadt dokumentiert. Mittlerweile gibt es in Recklinghausen 58 Stolpersteine und eine Stolperschwelle.
Die jährliche Putzaktion soll nicht nur die Messingtafeln wieder zum Glänzen bringen, sondern vor allem auf die dahinterstehenden Lebensgeschichten aufmerksam machen. Sie schafft einen persönlichen Zugang zur Geschichte und lädt insbesondere junge Menschen dazu ein, sich mit den Schicksalen der Opfer auseinanderzusetzen.
Foto (Stadt RE): Zum Auftakt wurden die Stolpersteine am Polizeipräsidium am Westerholter Weg 27 gereinigt: (v.l.) Erster Polizeihauptkommissar Wilhelm, Isaac Tourgman (Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde), Polizeihauptkommissar Ossmann, Dr. Mark Gutkin (Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde), Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen, Polizeihauptkommissar Eisen, Bürgermeister Axel Tschersich, Polizeikommissarin Böhne und Emir Özkan (Auszubildender bei der Stadt Recklinghausen).



















