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Aktuelles Recklinghausen

Titel
„Herkunft, Besitz, Verantwortung“ – aktuelle Fragen der Provenienzforschung
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Einleitung
Aktuelle Fragen der Provenienzforschung stehen im Mittelpunkt einer Tagung, die das Institut für Stadtgeschichte und die Kunsthalle Recklinghausen gemeinsam am Freitag, 22. März, ab 15 Uhr in der Kunsthalle, Große-Perdekamp-Straße 25-27, veranstalten.
Haupttext


Sechs Referent*innen geben an diesem Nachmittag in komprimierten Kurzvorträgen Einblicke in aktuelle Themenfelder dieses noch jungen Wissenschaftszweigs.

Provenienzforschung hat sich seit den 2000er-Jahren als neue Teildisziplin der Geschichte und mehr noch der Kunstgeschichte etabliert. Gegenstand der Forschung ist die Rekonstruktion der Besitzgeschichte und das konkrete, oft sehr wechselvolle Schicksal eines Kunstobjekts von seiner Entstehung bis in die Gegenwart. Der Erkenntniswert und die Unverzichtbarkeit dieser Disziplin auch für die Recklinghäuser Institutionen wird anhand nachvollziehbarer Beispiele deutlich. Die Tagung richtet sich nicht allein an ein Fachpublikum, sie steht vielmehr allen Interessierten offen.

Dr. Matthias Kordes, Stadtarchivar und Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, und Dr. Nico Anklam, Leiter der städtischen Museen, begleiten die Tagung und ergänzen die Impulse der Vortragenden mit ihrer fachspezifischen Einschätzung.

Der Vortrag von Jasmin Hartmann, der Leiterin der Koordinierungsstelle für Provenienzforschung in Nordrhein-Westfalen (NRW), eröffnet die Tagung. Die Koordinationsstelle ist die zentrale Ansprechpartnerin und praktischer Knotenpunkt in NRW rund um das Thema der Herkunftsforschung. Hartmanns Vortrag lädt ein, historischen wie aktuellen Spuren von Kunstwerken im Netzwerk damit verbundener ganz unterschiedlicher Akteur*innen zu folgen und zugleich Chancen und Perspektiven für die eigene Beschäftigung mit dem Thema abzuleiten.

In den zwei folgenden Vorträgen geht es um Ikonen: 2019 wurde dem Ikonen-Museum Recklinghausen eine bedeutende Privatsammlung geschenkt. Unter den Objekten befand sich eine Ikone des Erzengels Michael, die 1990 aus einem polnischen Museum gestohlen worden war und in den Kunsthandel gelangte. Das Impulsreferat von Dr. Lutz Rickelt, Leiter des Ikonen-Museums, skizziert anhand dieses Beispiels die Herausforderungen, die mit der Provenienzforschung in Bezug auf Ikonen verbunden sind.

Dr. Corinna Kuhr-Korolev, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, stellt den Fall des Kasseler Kunsterziehers Ernst Röttger vor, der in seiner Funktion als Gräberoffizier der Wehrmacht an der Ostfront drei Ikonen „aus brennenden Häusern rettete“ und sie zwei Jahrzehnte später dem Museum Recklinghausen übergab. Anhand dieses Falls lässt sich rekonstruieren, wie Kunstobjekte über private Schenkungen beziehungsweise Nachkriegsverkäufe in Museumssammlungen gekommen sind. Er zeigt zudem, dass die Erforschung der Herkunft dieser Art „privater Kriegsbeute“ eine besondere Herausforderung darstellt.

Dr. Angelika Böttcher, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Stadtgeschichte, erinnert an die im Rahmen der NS-Aktion „Entartete Kunst“ verlorenen Kunstwerke des Vestischen Museums. Am 24. August 1937 suchte eine Kommission der Reichskammer der Bildenden Künste das Recklinghäuser Museum auf und konfiszierte 45 Objekte, darunter Ölgemälde, Grafiken und Aquarelle wichtiger Vertreter*innen der Moderne wie Peter August Böckstiegel, August Oppenberg, Wilhelm Morgner, Käthe Kollwitz, Christian Rohlfs oder Max Schulze-Sölde.

Thomas Drebusch stellt einen Sonderfall der Aktion „Entartete Kunst“ vor, der ihn als Vorsitzender des Fördervereins des Soester Museum Wilhelm Morgner beschäftigt hat. Im Jahr 1937 wurden insgesamt 83 Arbeiten des Expressionisten Morgner aus Museen im Rheinland und Westfalen beschlagnahmt. 1943 kamen 24 Gemälde aus dem Bestand der konfiszierten Werke zurück an die Stadt Soest. Der Vortrag thematisiert Beschlagnahme und Verbleib der entzogenen Werke und insbesondere das dubiose Auftauchen einzelner Werke selbst einige Jahrzehnte nach dem Kunstraub durch das NS-Regime.

Abschließend präsentiert die Berliner Provenienzforscherin Anja Akikazu Matsuda Ergebnisse ihrer initialen Bestandsaufnahme der Sammlung der Kunsthalle. Akikazu Matsuda untersucht aktuell, ob und welche Werke der Vorkriegszeit ab 1950 in die Sammlung kamen und welche Wege diese gegebenenfalls zurückgelegt hatten. Gelangten später möglicherweise auch Werke der klassischen Moderne, die 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft und aus dem bis 1944/45 von Franz Große Perdekamp betreuten Vestischen Museum beschlagnahmt wurden, in Ausstellungen oder gar durch Ankäufe oder Schenkungen in die Kunsthalle Recklinghausen?

Die Teilnahme ist kostenfrei, um eine Anmeldung per E-Mail an stadtgeschichte(at)recklinghausen.de wird gebeten.

 

Pressefoto: Wilhelm Morgner: Schreitende Frau in Landschaft 1929 vom Vestischen Museum erworben, 1937 von den Nationalsozialisten konfisziert. Foto: Thomas Drebusch

Datum
12.03.2024


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