3.04 Ghettoisierung in fünf „Judenhäusern“

Der wirtschaftlichen Existenzvernichtung der jüdischen Recklinghäuser im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht 1938 folgte eine Reihe weiterer Maßnahmen mit dem Ziel, diese Bevölkerungsgruppe in die gesellschaftliche Isolation und Ächtung zu treiben. Noch Ende 1938 folgten die Verbote zum Besuch öffentlicher Schulen, Universitäten und kultureller Veranstaltungen, der Einzug der Führerscheine und das Verbot der Kfz-Haltung. Bereits am 17. August 1938 waren Verordnungen erlassen worden, den Paria-Status der Juden auch öffentlich zu manifestieren. Danach hatten Juden bis Jahresende Kennkarten zu beantragen, die mit dem Stempel „J“ versehen wurden und im Gegensatz zu den Personalausweisen nichtjüdischer Bürger ohne staatliche Hoheitszeichen ausgestattet waren. Ab 01.01.1939 mussten zudem diejenigen, deren Namen nicht unmittelbar als „jüdisch“ zu identifizieren waren, zusätzlich den Vornamen „Sara“ bzw. „Israel“ annehmen. Die Einführung des Judensterns am 01.09.1939 setzte diese Politik der Stigmatisierung und totalen Überwachung konsequent fort.

Mit dem „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 wurde die Isolierung der verbliebenen jüdischen Bürger auch auf die Wohnverhältnisse ausgedehnt. In zunehmendem Maße führte die Aufhebung des Mieterschutzes zur gewünschten Trennung von „arischen“ und „nicht arischen“ Familien.

Am 24. Mai 1941 forderte die Gestapo-Leitstelle Münster mit Verweis auf das Gesetz aus dem Jahre 1939 die Räumung von Wohnungen, damit „kein Jude in Wohnhäusern verbleibt, in denen arische Familien wohnen“ Gleichzeitig ordnete die Gestapo am 24.05.1941 eine Durchschnittsgröße von 1 - 2 Räumen pro Familie an: „Zur Not genügt jedoch 1 Wohnraum […].“

Die Verantwortung für die Auszüge und die Konzentration auf schließlich fünf „Judenhäuser“ in Recklinghausen wurde der Jüdischen Kultusvereinigung aufgegeben. So drängten sich in diesen fünf Häusern 91 Personen auf 44 Zimmern, 5 Mansarden und 11 Küchen. Neben zwei Häusern in der Innenstadt (Kellerstraße 1 und 21), im West- (Bismarckstr. 3) und im Paulusviertel (Paulusstr. 6) befand sich ein Haus im Stadtteil Süd:

Dieses Haus an der Bochumer Straße 100, das der 1935 nach Maastricht/Holland emigrierten Rosa Jacobs gehört hatte, war am 24. Juni 1941 zwangsversteigert worden. Einen Monat später beschwerte sich der neue Besitzer über die „Wertminderung“, da das Haus nun „voller Juden gestopft worden“ sei, so dass nunmehr „Reparaturen keinen Zweck [hätten], da das Haus doch schnell wieder abgenutzt und versaut“ werde.

So lebten im Süder Haus in neun Zimmern 19 Personen aus 8 Familien (vgl. die Liste vom 20.10.1941). Von ihnen hatten drei Jahre zuvor lediglich Max und Elise Katz, die bis November 1938 eine Schuhvertretung im Haus betrieben, und zwei Mitglieder der Familie Tobias im Haus gelebt, in dem damals 10 Bewohner gemeldet waren. Nun wohnte z. B. das Ehepaar Käthe und Ernst Tobias mit den Kindern DennyMathel und Berl und der verwitweten Halbschwester des Ehemannes, Paula Baroch, auf 2 Zimmern. Das Ehepaar Albert und Laura Issen hatte 1938 seine Metzgerei an der Herner Straße 64 b verloren; die Witwe Frieda Abraham war Miteigentümerin des bekannten Manufakturwarengeschäfts Hohenstein, Bochumer Str. 139 gewesen. Dazu kamen Alma und David Philipp mit Sohn Walter, das Ehepaar Johanna und Hermann JäckelOskar Schönfeld mit Tochter Herta Salomons sowie Frieda Abraham mit ihrer betagten Mutter Eva Pander.

Die Lebenssituation der Bewohner der „Judenhäuser“ war erbärmlich; der Besitz von Zeitungen, Radios, Schreibmaschinen, Fahrrädern, Haustieren etc war ebenso verboten wie die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Fernsprecher. Dazu kam seit Kriegsbeginn die Zuteilung von Lebensmittel- und Kleidungskarten, die deutlich unter den Rationen für „arische“ Deutsche lag.

Im Februar 1942 wurden die Familien aus den fünf „Judenhäusern“ in Lastwagen abgeholt. Die zurückgebliebenen „Vermögenswerte“, die an das Reich gefallen waren, wurden unter Finanzamt und Stadt Recklinghausen aufgeteilt. So wurde vom Finanzamt in der Garage des „Judenhauses“ an der Ernst-vom-Rath-Str. 6 (früher: Paulusstraße) auch das „Vermögen“ von Frau Abraham eingelagert: „Schlafzimmer, 2 Stühle, 1 Tisch, 1 Steppdecke und Kissen, 1 Brotmaschine, 1 Tischlampe, 1 Herd.“

Übergabeverzeichnis der Stadt für das Finanzamt, 16.02.1942  (Abschrift):

Die nachstehenden Gegenstände sind zur Verfügung des Finanzamtes in der Garage Ernst-vom-Rath-Str. 6 unterzubringen:

Aus dem Hause
Kellerstr. 1:
Boldes, der gesamte Inhalt der Wohnung einschl. der Kiste Boldes in der Wohnung Markus.
Isacson, der gesamte Inhalt der Wohnung.
Tepper, 1 Grammophonschrank, 1 3-teilige Auflegematratze mit Keilkissen

Ernst-vom-Rath-Str. 6:
Aron, der kombinierte Küchenherd.
Aron, Kurt, Schlafzimmer aus Birkenholz, bestehend aus 2 Betten mit Auflege-Matratze, 2 Nachttischen, 1 Kleiderschrank, 1 Frisiertoilette und 3 Stühlen.
Menschenfreund, der gesamte Inhalt der Wohnung.

Bismarckstr. 3:
Hirschberg, 1 bemalter Wandbehang, 1 Bild „Fugger“.

Bochumer Str. 100:
Abraham, 1 Schlafzimmer, 2 Stühle, 1 Tisch, 1 Steppdecke und 2 Kissen, 1 Brotmaschine, 1 Tischlampe, 1 Herd.
Philipp, der gesamte Inhalt der Wohnung.

[StA RE III 6519, abgedruckt in: Möllers/Mannel, Zwischen Integration und Verfolgung. Die Juden in Recklinghausen. Eine Sammlung ausgewählter Dokumente, Recklinghausen 1988, Dokument 60]

Von den 19 Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses Bochumer Straße 100 überlebten nachweislich 16 die Deportation nicht. Auch die frühere Besitzerin des Hauses konnte in Maastricht nach der Okkupation der Niederlande durch die deutschen Truppen dem Massenmord nicht entgehen; ihre vierköpfige Familie wurde ebenfalls im KZ ermordet.

[Vgl. 3.4  Ghettoisierung in fünf „Judenhäusern“ (Bochumer Str. 100), in:  Geck, Möllers, Pohl, "Wo du gehst und stehst…", Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933 bis 1945, Recklinghausen 2002, S. 123ff.]

 

Rekonstruktion der Wohnverhältnisse (Ausstellung der KKS, 27.01.2015)

[Im Verzeichnis der jüdischen Bewohner des Hauses Bochumer Str. 100  (StA RE III 5619) ist die Mitbewohnerin der Wwe. [Frieda] Abraham die Wwe. [Eva] Pander, ihre Mutter.] etage_1etage_2

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