2.15 Gleichschaltung schulischer Erziehung

Im Rahmen der ideologischen und organisatorischen Erfassung der Jugend kam den Schulen eine besondere Aufgabe zu. Wie die im Gleichschritt von „Schule, Elternschaft und Hitler-Jugend“ zu erreichenden Ziele definiert wurden, beschrieb die Ortspresse anlässlich eines Treffens der „Schulgemeinde“ des Gymnasium Petrinum 1936. Aus der Ansprache des Schulleiters Paul Wenner wurde zitiert: „Das Maß der Erziehung sei nicht der Einzelmensch, sondern die völkische Gemeinschaft, es sei nicht mehr die Sorge für das Individuum, sondern sei Dienst am Volk. Die besondere Aufgabe der höheren Schule sei es, diesen Menschen, der fähig und entschlossen für den Dienst am Volke sei, zu erziehen, dass er in Gehorsam, Hingabe und Opferwille in der politischen Kampffront nicht mitmarschieren, sondern vorangehen kann“.

Am traditionsreichen Petrinum, der ältesten weiterführenden Schule der Stadt, wurde mit der Degradierung und Strafversetzung des bisherigen Schulleiters Dr. Wilhelm Hülsen 1934 ein deutliches Zeichen gesetzt. Galt Hülsen auf Grund seines Engagements in einer demokratischen Partei (Zentrum) der „Staatlichen Untersuchungskommission“ bereits im August 1933 als „zu stark belastet“, so waren es zusätzliche Denunziationen aus Kreisen nationalsozialistischer Schüler, die seine Absetzung hervorgerufen hatten. Sie hatten ihm „Sabotage“ an der nationalen Aufbauarbeit, mangelndes Engagement bei den allgegenwärtigen Feiern und Behinderung der HJ vorgeworfen. So herrschte in den Jahren 1933 - 35 ein Klima des Misstrauens, der Bespitzelung und der Denunziation auch innerhalb der Schülerschaft.

In der Tat gelang es unter Hülsens Nachfolger binnen eines Jahres, nahezu die gesamte Schülerschaft in die Hitlerjugend oder andere NS-Organisationen zu überführen. Dazu waren ab 1933/34 selbst die Reifeprüfungen politisch instrumentalisiert worden, nachdem auf der Basis von ministeriellen Erlassen die nationale Gesinnung (belegt durch die Mitgliedschaft in NS-Organisationen) zum Beurteilungsmaßstab erhoben worden war.

Zum Repertoire der Maßnahmen gehörten zudem der Druck der Stadt auf ihre Beamtenschaft und sogar der Einsatz der Gestapo. Nachdem mit dem Oberprimaner Ludwig Grindel 1935 ein engagierter Jugendführer von der Gestapo ins KZ Esterwegen verschleppt worden war, scheute sich Schulleiter Wenner nicht, anderen Schülern mit diesem Fallbeispiel zu drohen, so dass sich der katholische Schülerbund „Neu-Deutschland“ als stärkste Organisation auflöste.

Trotzdem war an der Schule noch mit Resistenz und Zivilcourage zu rechnen: 1935 verweigerten die Schüler des Abiturjahrgangs die Teilnahme an der Abschlussfeier, nachdem ihr Schulkamerad Hans Aris als „Nicht-Arier“ von der Veranstaltung ausgeschlossen werden sollte; 1938 musste sich mit Studienrat Clemens Linge ein Mitglied des Lehrerkollegiums rechtfertigen, weil er den letzten jüdischen Schüler der Schule im Unterricht seiner Klasse gelobt hatte, statt ihn auszugrenzen. Am 23.07.1938 meldete Familie Feuerstein dann ihren Sohn Isbert aufgrund des zunehmenden Drucks ab. Walter Schönholz, als Sohn einer bekannten Medizinerfamilie bereits in „dritter Generation“ an der Schule, war als zweitletzter jüdischer Schüler bereits 1937 unter dem Eindruck einer Isolation durch die Mitschüler mit seinen Eltern nach Palästina emigriert.

Wenn der Schulleiter auch die „innere Bejahung“ des Nationalsozialismus noch 1938 beim eben zitierten und auch bei anderen Kollegen bezweifelte, so war doch die äußere Anpassung der Schule gelungen: Rassekunde im Biologieunterricht, heldisch-nationale Aufsatzthemen im Deutschunterricht, Fachkonferenzbeschlüsse zur „nationalsozialistischen Sicht des Geschichtsunterrichts, die Deklarierung des Kunstunterrichts zum „Gesinnungsfach“ oder die Sammlung von Kriegsberichten über „Blitzkriege“ in Erdkundeheften waren Belege dafür.

Die Kinderlandverschickung nach Bayern angesichts der Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet veränderten die Rahmenbedingung schulischen Unterrichts. Für viele Schüler der älteren Jahrgänge endete diese Erziehung im Grauen und im Tod des Krieges. Das Bild des ersten gefallenen Abiturienten hatte der Schulleiter noch als „Vorbild“ im Klassenraum aufhängen lassen: „Sie waren bereit, für Gesetz und Vaterland zu sterben“, hieß es dazu auf manchem Totenzettel. Insgesamt verloren 75 Abiturienten der Jahrgänge 1934 - 1944 in Hitlers Vernichtungskrieg ihr Leben.

[Vgl. 2.15  „Das Maß der Erziehung ist nicht der Einzelmensch“, in: Geck, Möllers, Pohl, „Wo du gehst und stehst…", Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, Recklinghausen 2002, S. 88-90]

 

„GLEICHSCHALTUNG“ der Schülerschaft am Beispiel einer Recklinghäuser Schule  (Gymnasium Petrinum)

März 1933 Zuerst am Polizeipräsidium, das dem preußischen Innenministerium untersteht, dann an  anderen Gebäuden erzwingt die NSDAP die Hissung der Hakenkreuzflagge. Schulleiter Dr. Hülsen am Gymnasium Petrinum weigert sich, muss aber dem Druck der SA weichen.

21. März 1933 Der „Tag von Potsdam“ muss im ganzen Land mit großen Aufmärschen - auch in den Schulen - gefeiert werden. Am Gymnasium Petrinum beginnen einige wenige Schüler am Ende der Feier mit dem Singen des „Horst-Wessel-Liedes“, der NS-Hymne. Dr. Wilhelm Hülsen beendet daraufhin die Feier.

Mai 1933 Der Schulleiter muss das Verbot aus der demokratischen Zeit aufheben, in der Schule Parteiabzeichen zu tragen.

09.01.1934 Auf Anordnung des Regierungspräsidenten muss an allen Schulen die Zugehörigkeit der Schüler zu Jugendverbänden auf gesonderten Fragebögen gemeldet werden: 132 gehören der Hitler-Jugend (HJ), 90 katholischen, 11 evangelischen Gruppen an. 

31.01.1934 Der Schulleiter muss darauf hinweisen, dass nur die HJ- Mitglieder in der Schule die bei Schülern beliebte „Kluft“ tragen dürfen, nicht aber Mitglieder anderer Jugendorganisationen.

März 1934 Vor den Abiturprüfungen  werden die Schüler aufgefordert, die Nachweise der HJ-Mitgliedschaft den Unterlagen beizufügen. 22 Schüler des Abiturjahrgangs treten daraufhin der HJ bei.

Ostern 1934 Bei den Abiturprüfungen erhalten ausgerechnet die beiden besten Schüler Hans Werners und Ferdinand Kolbe auf Druck der Bezirksregierung nicht die „Besondere Hochschulreife“, die das Studium an einer Universität erlaubte. Die Schule hatte sie sogar für Stipendien vorgeschlagen. Außerdem  hatten beide auch eine weitere Forderung, nämlich gute Sportler zu sein, mit Spitzennoten erfüllt. Als Mitgliedern  katholischer Sport- bzw. Jugendorganisation wurde ihnen aber die „nationale Zuverlässigkeit“ aberkannt.

02.05.1934 Der Schulleiter muss in einem Rundschreiben darauf hinweisen, dass nur HJ-Mitglieder  in der Schule ihr Abzeichen tragen dürfen, nicht Mitglieder anderer Verbände.

24.06.1934 Schulleiter Dr. Wilhelm Hülsen wird nach monatelangen Untersuchungen seines Amtes enthoben, weil er die nationalsozialistische Erziehung nicht voran trieb. 

26.06.1934 Schulstatistik: 165 (von 299) Schülern sind in der HJ, 102 in katholischen Gruppen

21.11.1934 Das NSDAP-Mitglied Wenner übernimmt die Schulleitung.

31.12.1934 57% (169 Schüler) gehören zur HJ; 98 zu katholischen, 2 zu evangelischen Verbänden; 13 gehören keinem Verband an.

30.03.1935 Reichsjugendführer von Schirach erklärt bei Beginn der „Frühjahresoffensive der HJ“ in Essen: „Jeder Jugendverband außerhalb der HJ verstößt gegen den Geist der Gemeinschaft.“

Ostern 1935 Bei den Abiturprüfungen ändert die Staatliche Prüfungskommission in drei Fächern die Noten, die Ludwig Grindel von den Lehrern erhalten hatte. Deshalb fällt er durch und muss die Klasse wiederholen. Ludwig Grindel ist in seiner Pfarrei Liebfrauen als Jugendleiter aktiv.

Ostern 1935 Zur feierlichen Verabschiedung des Abiturienten wird der jüdische Abiturient Hans Aris vom Schulleiter ausgeladen. Als seine Kon-Abiturienten daraufhin mit der Ankündigung reagieren, dann auch nicht teilzunehmen, wird die Feier abgesagt. Die Abiturzeugnisse werden vom Hausmeister ausgegeben.

16.05.1935 Johanna Lensker wird auf Druck von Bürgermeister Rottmann ´(NSDAP) als Schreibhilfe der Schule mit der Begründung entlassen, dass sie sich als Mitglied der katholischen Jugend „den Einigungsbestrebungen in der Staatsjugend entzieht.“

Juni 1935 Der Rektor der Liebfrauenschule beschwert sich über den Einfluss der Jugendarbeit der Kirchengemeinde und insbesondere über den Jugendleiter Ludwig Grindel.

18.06.1935 Schulleiter Wenner verwarnt Ludwig Grindel und fordert dessen Vater schriftlich auf, „seinem Sohn jegliche Betätigung in der Jungschar [zu] untersagen.“

23.06.1935 An der Liebfrauenschule in Ost kommt es zum Konflikt, weil ein Teil der Eltern und Schüler nicht an der HJ-Feier zur „Sommersonnenwende“ teilnimmt. Rektor der Liebfrauenschule, HJ und die die NSDAP- „Nationalzeitung“ machen den Jugendleiter Ludwig Grindel dafür verantwortlich. In den „Fall“ schalten sich u.a. Gestapo, Bezirksregierung, Partei und Bürgermeister ein.

20.07.1935 Gestapo-Beamte verhaften Ludwig Grindel während des Unterrichts am Gymnasium Petrinum. Wochenlang ist sein Verbleib Freunden und Familie unbekannt. Der Vater nimmt sich Urlaub, um ihn zu suchen. Bis März 1936 verschwindet er im KZ Esterwegen.

23.07.1935 Polizei-Verbote für alle noch existierenden Jugendverbände außerhalb der HJ: Sport, Zeltlager, Wanderfahrten, Musik, Uniformen oder gleiche Kleidungsstücke, Märsche, Abzeichen

29.07.1935 Schulleiter Wenner teilt Herrn Grindel mit, dass sein Sohn Ludwig wegen Störung des Schulfriedens von der Schule verwiesen wird.

August 1935 Der Schulleiter droht einem Schüler der katholischen Schülergruppe „Neudeutschland“ unter Hinweis auf Ludwig Grindel, „er gehe den gleichen Weg“.

21.09.1935 Die katholische Schülergruppe „Neudeutschland“ (ND) löst sich „freiwillig auf“  (Heimliche Treffen gab es noch bis 1937.).

28.09.1935 Schulleiter Wenner teilt dem Regierungspräsidenten stolz mit, dass seit Juli 1935 die Mitgliedschaft der Schülerschaft in der HJ von 51% auf 72% gestiegen sei.

02.11.1935 Schulleiter Wenner setzt die Eltern unter Druck: In einem Brief fordert er die Eltern aller Nichtmitglieder per Brief auf, den HJ-Beitritt ihrer Kinder nicht zu behindern oder ihm Gründe zu nennen.

29.04.1936 Der Schulleiter beantragt stolz die Verleihung der „HJ-Fahne“ angesichts der 100%-Mitgliedschaft der Schüler in der Hitlerjugend.

19.10.1937 Der Schulleiter sorgt für die Abmeldung eines 15jährigen Schülers, ehemals Mitglied des ND, bei dem sich ein alter Ausweis aus dem Jahre 1934 mit Schmähungen auf Hitler fand.

07.07.1938 Der Schulleiter weist die Lehrer auf einer Lehrerkonferenz an, Isbert Feuerstein, den letzten jüdischen Schüler, nicht wegen seines Fleißes u.ä. positiv hervorzuheben.

16.07.1938 Bericht des Schulleiters an den Oberpräsidenten über den Lehrer Clemens Linge, dem mangelnder Elan bei der Durchsetzung eines nationalsozialistisch orientierten Unterrichts vorgeworfen wird. Insbesondere zur „Judenfrage“ habe er deshalb bereits am 17.02.1938 ein Referat in der Lehrerkonferenz halten müssen. Das habe ihn nicht davon abgehalten, Isbert Feuerstein im Unterricht zu loben. Linges Einsatz im Deutsch- und Geschichtsunterricht wird daraufhin minimiert.

22.07.1938 Isbert Feuerstein, letzter jüdischer Schüler am Petrinum, wird von den Eltern abgemeldet.

(Georg Möllers)

 

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