1.16 Heldenverehrung und Bücherverbrennung

Die Ambivalenz nationalsozialistischer Herrschaft wurde in den Wochen nach der „Machtergreifung“ in Berlin, der Gleichschaltung der Länder und der Eroberung des Recklinghäuser Rathauses auf dem Neumarkt, dem zentralen Platz der Südstadt, in zwei Großveranstaltungen demonstriert:

Aus Anlass des „Führergeburtstages“ 1933 bildeten SA, SS und Parteiorganisationen, Kriegerverbänden, Schützen, Angehörige des öffentlichen Dienstes, begleitet von diversen Spielmannszügen die „kilometerlange Schlange eines Festzuges“, die von Hochlarmark über Grullbad kommend schließlich auf dem Süder Neumarkt mündete. Die Presseberichte über die angeblich 5000 Teilnehmer und „ungeheuren Massen“ von Zuschauern, die zum Abschluss Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, „mit erhobenen Armen mitsangen“, vermitteln einen Eindruck vom begeisternden und faszinierenden Charakter solcher Gemeinschaftsveranstaltungen der „vereinigten Volksgenossen aller Stände“. Zentrales Ritual des Aufmarsches war die feierliche Fahnenweihe der NSBO (NS-Betriebsorganisation) Recklinghausen-Süd am Vorabend des – so die NZ – „großen sozialen Gesetzes“, das der Führer „dem deutschen Arbeiter der Faust und der Stirn“ mit dem Maifeiertag geschenkt habe.

Mitreißenden Ritualen des Aufbruchs folgten Terrormanifestationen. Am 14. Juli 1933 loderte auf demselben Platz ein „meterhoher Scheiterhaufen“ mit „Zentnern“ von Büchern und Schriften „undeutschen“, „marxistisch-kommunistisch unsittlichen“ Inhalts. Der vorbereiteten Veranstaltung nach dem berüchtigten Berliner Vorbild vom 10.05.1933 waren „in wochenlanger Kleinarbeit“ Hausdurchsuchungen der „Stürme“ 4 (Süd-Mitte) und 5 (Grullbad) der SA-Standarte 143 vorangegangen, nachdem der Polizeipräsident am 23.05.1933 zur Säuberung der Büchereien von „undeutschem Schrifttum“ aufgerufen hatte. Gerade die erste Jahreshälfte 1933 war die Zeit willkürlichen SA-Terrors, nachdem Preußens Polizeiminister Hermann Göring sie zur „Hilfspolizei“ ernannt hatte. Zu den von den Razzien betroffenen „Volksverrätern und Bibelforschern“, so der SA-Redner, bei denen solche „Ausgeburten verirrter und satanischer Menschenhirne“ beschlagnahmt wurden, gehörte neben Schriften der Zeugen Jehovas auch der Verband Freier Schwimmer (ein Vorläufer des TuW), dessen kleine Leihbücherei samt Vereinsfahnen und Wasserballmützen nun von den angetretenen SA-, SS- und Stahlhelm-Formationen den Flammen übergeben wurde. Begleitet wurde diese öffentliche Manifestation von Gewalt und Intoleranz durch die Verbrennung von Strohpuppen in Reichsbanneruniformen.“

Hatte schon bei der Feier zum „Führergeburtstag“ das Heldentum der im „Kampf für das neue Deutschland“ angeblich 55.000 inhaftierten, 10.000 zu „Krüppeln“ geschlagenen und 378 „ermordeten“ SA- und SS-Männern eine zentrale Rolle gespielt, so wurde vom SA-Redner als Ziel der Bücherverbrennung proklamiert, dass wieder „Jünglinge und Männer heranwachsen, die es verstehen, wie die Kriegsfreiwilligen von Langemarck mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied auf den Lippen, wenn es nottut, fürs Vaterland zu sterben.“

Für Opferkulte und Heldenerziehung spielte der bereits am 20.03.1933 in Leo-Schlageter-Platz umbenannte Ort eine zentrale Rolle.

Der ehemalige Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter war 1923 nach gewaltsamen Aktionen gegen die französischen Besatzer im Ruhrgebiet zum Tode verurteilt worden. Vergeblich hatte die demokratische Reichsregierung gegen die Okkupation durch französische Truppen protestiert und zum passiven Widerstand aufgerufen, der in beeindruckender Geschlossenheit befolgt worden war. In dieser Situation hatte die Hinrichtung am 26. Mai 1923 Schlageter in breiten Bevölkerungskreisen zu einem bekannten nationalen Märtyrer werden lassen. Wegen seiner NS-Mitgliedschaft eignete sich der Gedächtniskult um dieses „Leben und Sterben eines deutschen Helden“ besonders. Folgerichtig wurde bereits im Mai 1933 im Zusammenhang mit den reichs- und stadtweiten Gedächtnisfeiern zum 10. Todestag öffentlich die Forderung nach einem Ehrenmal erhoben.

Eingeweiht wurde diese Heldengedenkstätte in stundenlangen Zeremonien auf dem Schlageter-Platz zwei Jahre später. Im Angesicht lodernder Feuerschalen zu beiden Seiten des vom Reichsadler gekrönten Denkmals wurde in zahlreichen Weihreden die säkulare Sinnstiftung verkündet: „Nur wer das Opfer darbringt, wirkt für Volk und Vaterland. Dein Leben hat kein Ende, denn der Toten Ruhm ist ewig.“ Heldenopfern, wie die immer wieder beschworenen Freiwilligen der blutigen Schlacht von Langemarck, wurde hier alljährlich von der HJ bei Feierstunden gedacht. Heldenerziehung und –feiern gehörten zum Alltag schulischen Lebens für die angetretenen Mädchen und Jungen. Nur wenige Jahre später vermeldeten Todesanzeigen den „Heldentod“ vieler der hier in Formation Angetretenen – und die „stolze Trauer“ der Hinterbliebenen.

[Vgl. 1.14 Verehrung „ deutscher Helden“  und Verbrennung „undeutschen Schrifttums“ (Neumarkt),  in: Geck, Möllers, Pohl, „Wo du gehst und stehst …“ , Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, Recklinghausen 2002, S. 46-47]

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