1.14 Die polnische Minderheit

Zu den charakteristischen Merkmalen der Industrialisierung in Recklinghausen hatte die Zuwanderung polnischsprachiger Arbeiter gehört. Zu Beginn des Jahrhunderts war ein Viertel der Bevölkerung polnischsprachig. Nationale Selbstbewahrung und Ausgrenzung durch die deutsche Bevölkerung trugen zu einem vielfältigen Vereinsleben in eigenen Gewerkschaften, Kulturorganisationen und kirchlichen Verbänden bei. Bei der ersten Nachkriegswahl 1919 erhielt die eigenständige Polenliste 4.689 Stimmen, was 24,06 % der Wähler Recklinghausens vor den Eingemeindungen 1926 entsprach. Mit 12 Ratsmandaten wurde sie nach dem Zentrum zweitstärkste Fraktion. Danach sank ihr Anteil durch den Wegzug polnischer Arbeiter als Folge der Wiederbegründung des polnischen Staates nach dem 1. Weltkrieg, der wirtschaftlichen Krisen Mitte der 20er Jahre aber auch durch die wachsende Assimilation.

Bei der Kommunalwahl am 12. März 1933 erhielt nur noch der Stadtverordnete Stanislaus Skrzypczak, Lippestraße 38, ein Mandat für 1152 Wählerinnen und Wähler (2,7 %). Die publizistischen Drohungen in der Nationalzeitung gegen ihn zeigten den gewünschten Erfolg. Dort war bereits am 16.03.1933 unter Hinweis auf die „unglaublichen Vorkommnisse … im kerndeutschen Danziger Gebiet“ die Ausschaltung „der Pollacken auf die eine oder andere Weise aus dem deutschen öffentlichen Leben“ gefordert worden. Am Morgen des 19. April titelte sie: „Fort mit den Polenvertretern aus deutschen Kommunalparlamenten!“ Die offene Pression angesichts der Ratssitzung des Tages war aber auch politisch kalkuliert: Das Fehlen des eingeschüchterten Stadtverordneten führte dazu, dass NSDAP und „Nationale“ den Anteil ihrer Magistratsvertreter gegenüber einer erwarteten Listenverbindung Zentrum/Polen steigern konnten. Dass Skryzypczak sich in der Sitzung am 10.05.1933 doch wieder ins Rathaus wagte, hatte auch mit der außenpolitischen Annäherung an Polen zu tun.

Von nun an gehörten die Wechselwirkungen von Außen- und Innenpolitik zum Schicksal der polnischen Minderheit, so dass der deutsch-polnische Nichtangriffspakt 1934 die Lage zunächst verbesserte. Zwar verbot der Höhere Polizeiführer West in Recklinghausen 1933 ausdrücklich die identitätsstiftende Teilnahme geschlossener polnischer Vereine an den Fronleichnamsprozessionen, „da dieser stillschweigend geduldete Brauch schon immer den Unwillen nationaler Kreise erregt“ habe, doch gelang der Minderheit mit der Weiterexistenz von Vereinen, der Genehmigung polnischsprachiger Gottesdienstveranstaltungen und der Befreiung von der DAF zunächst die Wahrung von Sonderrechten, wenngleich Einschränkungen aller Art die Mitgliedszahlen der Vereinigungen sinken ließen.

Als Hitler am 01.09.1939 die selbst inszenierte Krise um Danzig und andere Konflikte zum Anlass für den Überfall auf Polen nahm, gehörte die polnischsprachige Minderheit zu den ersten unmittelbaren Opfern in Recklinghausen. In St. Joseph (Grullbad) und St. Marien wurden die polnisch-kirchlichen Vereine verboten.

In der Süder Pfarrei wurden zudem die Leiter des Rosenkranz- und des St. Michaels-Vereins nach einem Erlass Himmlers „betr. Festnahme von Führern der polnischen Minderheit“ vom 11.09.1939 verhaftet und mit 249 Vereinsvertretern aus dem Ruhrgebiet in Konzentrationslager eingeliefert. Während Stanislaus Quisiszewski nach einjähriger Haft frei kam, wurde Martin Olejnik, ein 58jähriger Berginvalide von der Ruhrstraße 35, am 23.12.1939 in einem KZ ermordet. Erst knapp einen Monat später konnte er, „überführt aus Berlin“ - so das Sterberegister von St. Marien - in seiner Heimatstadt beerdigt werden.

Bei Pfarrer Bernhard Klapheck (St. Antonius), bis dahin auch Präses eines polnisch-katholischen Jugendverbandes, kam es wegen der Abhaltung „polnischer Messen“ zu Gestapo-Verhören.
Besonders schwierig wurde ab 1939 die Lage der nach Deutschland verschleppten polnischen Zwangsarbeiter, zumal sie als Slawen der rassenideologischen Repression der Nationalsozialisten ausgesetzt waren. Seelsorge für sie wurde Pfarrer Klapheck im November 1940 ausdrücklich untersagt. Einer seiner Vorgänger in St. Antonius, August Wessing (geb. 1880), damals als „Polenkaplan“ für die fremdsprachigen Gemeindemitglieder zuständig, wurde als Pfarrer von Hoetmar wegen seiner seelsorgerischen Kontakte zu slawischen Fremdarbeitern 1942 verhaftet und starb am 04.03.1945 im KZ Dachau.

[Vgl. 1.12 Ausschaltung der „Pollaken“ auf die eine oder andere Weise“ (Lippestr. 38), in: Geck, Möllers, Pohl, „Wo du gehst und stehst …“ , Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, Recklinghausen 2002, S. 42-43]

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