Aktuelles Recklinghausen

Zu sehen ist dieser dann als Groß-Projektion in der obersten Etage der Kunsthalle.
Eingebettet in ein Gespräch mit Gied, Wemmje und Museumsdirektor Dr. Nico Anklam bietet die Kunsthalle am Vorabend des Internationalen Frauentages Gelegenheit dazu, gemeinsam über Kunst und intergenerationale Porträts, cineastische Sprache und kulturelle Übersetzung zu sprechen. Der Eintritt ist frei und das Gespräch findet auf Deutsch statt.
Zum Hintergrund: Der Film „100 Jahre“ von Surya Suran Gied und Angelo Angelino Wemmje erzählt von der letzten Begegnung von Gieds koreanischer Mutter und ihrer 100-jährigen Großmutter. Er spielt sich im und um das Haus ab, das in den 1970er Jahren mit dem Lohn von Gieds Mutter erbaut wurde, die durch das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Südkorea als Krankenpflegerin in Köln tätig war.
Das filmische Porträt verbindet häusliche Szenen, Gespräche, Interview-Elemente und wiederkehrende Auftritte einer maskierten Figur zu einer alternierenden Struktur. Die maskierte Figur erscheint dabei wie ein Kommentar oder eine Begleiterin.
In diesem kinematografischen Gefüge entsteht Distanz und zugleich eine Form von Nähe, in der Sprachlosigkeit, Übersetzung und das Ringen um Worte zentrale Themen bilden. Die Frage, in welchen Momenten weibliche Stimmen Gehör fanden, innerhalb der familiären Struktur Gieds und im sozialen Gefüge von drei Generationen zwischen Südkorea und Deutschland, ist dabei zentral.
Gieds Mutter fungiert hier als Mittlerin zwischen den Sprachwelten. Zwischen Enkelin und Großmutter besteht keine gemeinsame Sprache: Gied spricht kein Koreanisch, die Großmutter kein Deutsch – und sie hat sich erst spät selbst ein wenig lesen beigebracht. Das daraus resultierende Nicht-Verstehen wird im Film selbst zu einer Form der Kommunikation. Es entsteht eine alternative Form von Literalität, die sich über Gesten, Blicke und alltägliche Handlungen vermittelt. Der Film kann so als eine Untersuchung von Erinnerung, Migration und Grenzen sprachlicher Verständigung gelesen werden.
Gied und Wemmje erkunden Beziehungen zwischen Generationen, Kulturen und Medien in einem langsamen Rhythmus. Sie untersuchen die Bedingungen, unter denen Bilder, Texte, Gesten und Gefühle gelesen, erfahren und erinnert werden, und wie daraus Narrative über Sichtbarkeit, Körper und Geschichte entstehen.
In diesem filmischen Ansatz treffen private und globale Perspektiven des 20. Jahrhunderts aufeinander: Sowohl das intergenerationale Erbe zwischen Südkorea und Deutschland, als auch die Frage, wie Geschichte in Bildern erzählt wird – und wer darin sichtbar wird
„100 Jahre“ ist seit Oktober 2025 abwechselnd mit Paul Sharits’ „Sears Catalogue 1-3“ von 1965 als Teil der „VideoKunstNächte“ an der Fassade der Kunsthalle zu sehen. Seit jeher sind die Fenster der Kunsthalle ein weithin sichtbarer Teil des Gebäudes, der auch immer wieder in einzelne Ausstellungsprojekte integriert wurden. Mit der Übernahme der Museumsdirektion durch Nico Anklam im Sommer 2021 bekam dieser Teil des Gebäudes mit der Öffnung der Fenster nicht nur sein altes Gesicht zurück, sondern wurde auch für die Wintermonate neu gedacht: Ab 18 Uhr ist die Videokunst im südlichsten Fenster als Rückprojektion zu sehen – kostenfrei und für jede*n zugänglich die ganze Nacht.
Surya Suran Gied (*1980) arbeitet an der Schnittstelle von Erinnerung, Migration und visueller Kultur. Ausgangspunkt ihrer Praxis ist ihre deutsch-koreanische Familiengeschichte, die Fragen nach Identität und Übersetzung prägt. In ihren multimedialen Arbeiten erforscht sie das Gefühl der Fragmentierung und die damit verbundene Abstraktion von Identität. Ausgangspunkt sind autobiografische Materialien – Fotografien, Erzählungen sowie Audio- und Filmaufnahmen –, die sie in Malerei und Multimedia-Installationen übersetzt. Gied studierte Freie Kunst an der Universität der Künste Berlin bei Valérie Favre. Arbeitsaufenthalte und Stipendien, unter anderem an der Deutschen Akademie Rom Casa Baldi (2023), im Seoul Art Space Geumcheon (2013) und bei der Pollock-Krasne-Foundation in New York (2022), prägen ihr Werk. Für ihre Arbeit erhielt sie den Dieter-Ruckhaberle-Preis (2021).
Angelo Angelino Wemmje (*1987) ist Autor und Filmemacher. Er studierte zunächst an der Universität der Künste Berlin und anschließend Mediale Künste mit dem Schwerpunkt Literarisches Schreiben und Drehbuch an der Kunsthochschule für Medien Köln, wo er 2018 mit dem Diplom abschloss. Bereits während des Studiums arbeitete er als Videokünstler und Filmeditor an mehreren Kinoproduktionen. Seither realisiert er eigene Kurzfilme, schreibt Drehbücher, Prosa und Lyrik. Sein Debütroman „Venus Chicago“ erschien 2023 bei Bartels & Bleil – Verlag für ästhetischen Widerstand. 2024 erhielt er das Jahresstipendium Literatur vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft & Kultur und wurde zuletzt mit dem Günter Rohrbach Drehbuchpreis ausgezeichnet. Seine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Literatur und Film.



















