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Titel
Gedenkfeier erinnert an die Pogromnacht 1938 – Menschenkette geplant
Bild
  Sie hoffen auf eine rege Beteiligung der RecklinghäuserInnen am kommenden Sonntag -  Isaac Tourgman, Dr. Mark Gutkin, Uwe Suberg, Bettina Kollecker und Christoph Tesche. Foto - Stadt RE
Einleitung
81 Jahre ist es her, dass auch in Recklinghausen die Synagoge brannte und jüdische Bürger von den Nazis drangsaliert wurden.
Haupttext


Daran erinnert die Stadt in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit auch in diesem Jahr am 10. November, 17 Uhr, mit einer Gedenkfeier am Herzogswall vor dem Finanzamt.

„Das wird natürlich nicht geschehen, ohne dass wir auch Bezug auf den feigen Anschlag nehmen, bei dem am 9. Oktober zwei Menschen umgebracht wurden. Nach dieser Tat können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagte Christoph Tesche bei der Vorstellung des Programms für den 10. November. Der Bürgermeister ruft die Recklinghäuser dazu auf, als Zeichen der Solidarität mit der Jüdischen Kultusgemeinde an diesem Tage in Recklinghausen die Kippa zu tragen. „Insbesondere natürlich dann, wenn wir uns am Mahnmal zum Gedenken treffen.“

Mit einer Initiative zum Tragen der Kippa waren auch die Vorsitzenden des SPD-Kreis- und –Stadtverbandes, Frank Schwabe und Andreas Becker, an den Bürgermeister herangetreten. Die Kippa ist eine kleine, kreisrunde Mütze, die von jüdischen Männern als sichtbares Zeichen ihres Glaubens den ganzen Tag getragen wird.

Bereits im Mai 2019 hatte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, anlässlich der antiisraelischen Proteste zum „Al-Kuds-Tag“ in Berlin bundesweit dazu aufgerufen, an diesem Tag eine Kippa zu tragen. Als Zeichen für uneingeschränkte Religionsfreiheit und gesellschaftliche Vielfalt.

Mit Blick auf den Anschlag von Halle erklärte der Bürgermeister: „Es ist eine Schande, dass in unserem Land jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger Angst haben müssen, sich zu ihrem Glauben öffentlich zu bekennen. Nie wieder dürfen ihre Einrichtungen in Gefahr geraten oder angegriffen werden.“

Am 10. November könnten alle Recklinghäuser*innen gemeinsam Flagge zeigen. Christoph Tesche: „Deshalb bitte ich Sie, nehmen Sie an den Gedenkfeiern teil. Bringen Sie Freunde und Bekannte mit. Lassen Sie uns alle gemeinsam ein bürgerschaftliches Zeichen setzen, für Toleranz und Zivilcourage, gegen Antisemitismus und Rassismus.“

Einen Beitrag zum Gedenken liefern auch Schüler*innen der Käthe-Kollwitz-Schule, für den musikalischen Rahmen sorgt NPW-Musikerin Lydia Keymling auf ihrem Cello. „Uns ist es wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen vertreten sind und sich aktiv einbringen. Deshalb haben wir zum Beispiel auch Uwe Suberg angesprochen“, erklärte Kantor Isaac Tourgman. Der stadtbekannte Gastronom wird die Gedenkveranstaltung moderieren.

Im Anschluss an die Gedenkfeier soll, als Zeichen der Verbundenheit zur Jüdischen Kultusgemeinde, von den Teilnehmern eine Menschenkette vom Mahnmal am Herzogswall zur Synagoge neben dem Polizeipräsidium gebildet werden. Bürgermeister Christoph Tesche: „Wir haben in Recklinghausen in den vergangenen Jahren eine intensive und breite Gedenkkultur entwickelt. Daran haben nicht zuletzt auch die Jüdische Kultusgemeinde und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ihren Anteil. Ich bin überaus dankbar, dass sie sich zu verschiedenen Anlässen kontinuierlich mit ihren Aktivitäten einbringen. Dazu gehört auch die Veranstaltung am 10. November.“

In der Synagoge beginnt nach dem Bilden der Menschenkette um 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung, die von professionellen Künstlern gestaltet wird. Initiator ist die unabhängige Initiative „Die Erinnerung darf nie enden!“ um die Recklinghäuserin Bettina Kollecker, in der sich engagierte Bürger*innen mehrerer Generationen zusammengeschlossen haben. Die Moderation in der Synagoge übernimmt Alois Banneyer, Theaterpädagoge der Ruhrfestspiele.

Info:
Eine ausführliche Darstellung der Recklinghäuser Vorkommnisse in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November findet sich im Online-Gedenkbuch auf der Homepage der Stadt: https://www.recklinghausen.de/Inhalte/Startseite/Ruhrfestspiele_Kultur/Gedenkbuch/index.asp?highmain=4&highsub=0&highsubsub=0

Ein Auszug:
In kaum einer Stadt erwiesen sich die vom Propagandaministerium reichsweit angeordneten Presse-Sprachregelungen vom „gerechten Volkszorn“ (RZ-Titel 11.11.1938) und den „spontanen Kundgebungen“ als so offensichtlich verlogen wie in Recklinghausen: Hier fand das Pogrom gegen Synagoge, Gemeindehaus und jüdische Schule in unmittelbarer Nachbarschaft zu Polizeipräsidium und Feuerwache statt.

Während in der Innenstadt (z. B. Steinstraße, Breite Straße, Münsterstraße) und entlang der Bochumer Straße SA-Trupps oder in Suderwich die örtliche NSDAP-Parteiführung Geschäfte und Privatwohnungen Recklinghäuser Familien jüdischen Glaubens überfielen, zerstörten oder plünderten, vollzog sich die Zerstörung der jüdischen Gemeindezentren in einem stundenlangen Verfahren unmittelbar unter den Augen und mit Billigung der staatlichen Behörden.

Am 26. August 1904 hatte die Gemeinde ihre neue, zweite Synagoge an der Ecke Westerholter Weg/Limperstraße in Anwesenheit der Vertreter des öffentlichen Lebens feierlich einweihen können. Was die Presse eher nebulös als „plötzlich“ aufkeimende Brände an Synagoge und anderen Gemeindeeinrichtungen formulierte, erwies sich in der Realität der Nacht als gezielte Brandstiftung. Der aus ihrer knapp 150 m entfernt gelegenen Hauptwache herbeigeeilten Feuerwehr wurde vom eigenen Chef ein Löschverbot erteilt. Mehr noch: Gewissermaßen unter Aufsicht wurde nun versucht, Turmspitze und Dach mit Holzwolle und Benzin zu entzünden, doch das Dach war frisch imprägniert.

Bis in die Morgenstunden dauerten dann die Versuche, mit Zugwagen und Strahltrossen den Turm des Gotteshauses einzureißen bis endlich einem herbeigeholten Sprengmeister der Zeche König-Ludwig schwere Beschädigungen durch Sprengladungen gelangen.

 

 

Datum
05.11.2019


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