Aktuelles Recklinghausen

Titel
Eisenbahn, Bergbau, Reichsgründung – Recklinghausen und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Bild
Bahnhof RE 1870
Einleitung
Im Spätsommer 1870, also vor genau 150 Jahren, trafen in Recklinghausen mit knapp 5.000 Einwohnern eine lokalgeschichtliche Tatsache und ein historisches Großereignis aufeinander.
Haupttext


Beide Faktoren führten zum Aufbruch in eine neue Epoche der Stadtgeschichte.

Es begann die Ära des Steinkohlenbergbaus und der Hochindustrialisierung in einem politisch vereinten Deutschen Reich. Der Weg dorthin war mit den Errungenschaften moderner, zukunftsträchtiger Bergbau- und Verkehrstechnik, aber auch mit dem Deutsch-Französischen Krieg verbunden.

Seit Januar 1870 lag Recklinghausen nach mehrjährigem Vorlauf mit einem eigenen Bahnhof an einer Eisenbahnlinie – am neuen Abzweig der von einer Aktiengesellschaft betriebenen „Cöln-Mindener Eisenbahn“, der von Wanne nach Münster führt. Am Neujahrstag 1870 wurde die Stadt festlich beflaggt, 24 Böllerschüsse und ein Fotograf aus Altena begrüßten den ersten regulären Zug bei seiner Einfahrt wie einen Staatsgast, ja mehr noch, wie ein neues Zeitalter; das Bahnpersonal präsentierte in Reih‘ und Glied. So entstand Recklinghausens älteste erhaltene Fotografie; sie setzt den Beginn der Gründerzeit in Recklinghausen, d.h. die besondere Hochkonjunkturphase von 1867 bis 1873, geradezu emblematisch in Szene. 

Acht Monate später, seit Anfang August 1870, befanden sich die deutschen Staaten in einem großen militärischen Konflikt mit Frankreich – und auch im europäischen Kriegswesen war man in eine neue Epoche eingetreten. Der Deutsch-Französische Krieg war ein klassischer Bewegungskrieg ohne starre Fronten. Seine Dynamik folgte aber nicht mehr nur preußischen Provinzialstraßen und napoleonischen Chausseen, auf denen die Heere aufeinander zumarschierten, sondern nun auch dem Takt von Eisenbahntransporten. Die Eisenbahn, die doch als Vehikel des Fortschritts Industrie, Handel und Gewerbe befördern sowie Menschen, Rohstoffe und Waren bewegen sollte, entwickelte sich zur strategischen Waffe.

Das preußische Kriegsministerium hatte schon 1845 begonnen, Einfluss auf die Planung neuer, möglichst zweigleisiger Bahnstrecken zu nehmen. Seit 1869 gab es beim Großen Generalstab eine Eisenbahn-Abteilung, die ganz neue Begrifflichkeiten und Instrumente entwickelte: War erst ein Truppenteil „auf Kriegsfuß“ gesetzt, vollzog sich das weitere Geschehen entlang von Bahnlinien und Zugverbindungen. Erstmals nahm ein Militärfahrplan Zugriff auf alles rollende Material, das die Privatbahnen zur Verfügung stellen konnten. Garnisonen benötigten, lange bevor der erste Schuss fiel, planvoll vorherbestimmte Ein- und Ausladebahnhöfe, die hunderte von Kilometern voneinander entfernt lagen. Hinzukam die elektrische Telegrafie, die mittels Kupferkabel schnelle und direkte Kommunikation über lange Strecken ermöglichte.

Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Militärzüge, die jeweils ein Bataillon von rund tausend Mann zu verlegen hatten, betrug dabei nicht mehr als 25-30 km/h: „Eisenbahn-Aufmarsch“ nannte man dieses neuartige Räderwerk. Trotz lückenhaften und meist nur eingleisigen Streckennetzes westlich des Rheins kam es in etwa zwei Wochen zu beachtlichen logistischen Leistungen: Bereits bis Anfang August 1870, d.h. zu Beginn der Kampfhandlungen, wurden rd. 450.000 deutsche Soldaten und rd. 100.000 Pferde an den Endstationen Neunkirchen/Saar, Homburg, und im südpfälzischen Landau ausgeladen.

Diese enormen Anstrengungen begannen schon eine Woche nach der französischen Kriegserklärung vom 19. Juli 1870. Sie dienten buchstäblich dem Zeitgewinn für den Wettlauf um die Frage, welche Kriegspartei als erste zum Angriff übergehen kann. Den preußisch-deutschen Heeren gelang beides, obwohl sie längere Wege zurücklegen mussten als die französischen Armeen, so dass sich dieser Krieg – abgesehen von kurzen Kämpfen um Saarbrücken Anfang August 1870 – nur auf französischem Boden abspielte. Welche Distanzen und Dimensionen dieser erste große Eisenbahnkrieg erreichen konnte, erwies sich Anfang Januar 1871: Der kleine Ort Lagny-sur-Marne, östlich der französischen Hauptstadt an der Strecke Paris–Nancy–Metz gelegen, wurde zum Ausladebahnhof für schwere Gussstahlgeschütze der Firma Krupp, mit denen man die französische Hauptstadt kapitulationsreif schießen wollte – diese für damalige Verhältnisse monströsen Kanonen waren erst 1867 als Errungenschaft der Ruhrindustrie auf der Pariser Weltausstellung präsentiert worden.

Was weiß man über das Schicksal der Recklinghäuser Soldaten? Es lassen sich nur einige grundsätzliche Aussagen treffen: Recklinghausen lag im Rekrutierungsbereich des VII. Armeekorps mit seinem Oberkommando in Münster; dessen Garnisonen reichten von Köln und Düsseldorf über Wesel, Münster, Soest und Paderborn bis Minden. Von dort aus zogen wohl auch Männer aus Recklinghausen in den Krieg. 
Das VII. Armeekorps – hauptsächlich bestehend aus der 13. und 14. Infanteriedivision – war Teil der 1. Armee, die aus dem Raum Saarlouis Richtung Lothringen vorrückte. Daraus entwickelten sich Mitte August 1870 Kämpfe bei Colombey-Nouilly und Gravelotte/Saint Privat. In Folge dessen waren Regimenter des VII. Armeekorps auch an der Belagerung von Metz beteiligt. Das Infanterie-Regiment 56 wiederum, das eigentlich zur 14. Division gehörte, wurde dem X. Armeekorps zugeordnet, so nahm es Mitte August 1870 an der Schlacht von Mars-la-Tour/Rezonville teil. Die kriegsentscheidende Schlacht von Sedan (1.-2. September 1870) und die Belagerung von Paris (19. September 1870 bis 28. Januar 1871) fanden aber ohne Zutun von Einheiten des VII. Armeekorps statt. Diese operierten im weiteren Kriegsverlauf im nördlichen Burgund, traten später als Besatzungstruppen im östlichen Frankreich auf und wurden im Juni 1871 – natürlich per Eisenbahn – wieder in die westfälischen Garnisonen verlegt.

Was blieb von jenem Krieg? Vor allem sichtbare Zeichen zeittypischer Erinnerungskultur. Sie betrafen ab 1872/73 die Namensgebung für zwei Recklinghäuser Steinkohlenbergwerke: Das Bergwerk General Blumenthal wurde bezeichnet nach Leonhard von Blumenthal, der vor dem Krieg die 14. Division kommandierte, Stabschef der Armee des preußischen Kronprinzen wurde sowie zu denen gehörte, die an der Belagerung von Paris und an der Kaiserproklamation in Versailles am 18. Januar 1871 teilnahmen. Die Zeche „König Ludwig“ wiederum erhielt ihren Namen vom Bayernkönig Ludwig II. von Wittelsbach, der im Bündnis mit Bismarck sein Heer ebenfalls gegen Frankreich in Marsch setzte und am 30. November 1870 den Weg frei machte für ein Verfassungsbündnis zur Gründung eines neuen deutschen Reiches.

Ab 1873 etablierte sich der „Sedantag“ als inoffizieller Festtag. Jährlich am 2. September feierte man den Schlachtensieg insbesondere an höheren Schulen, somit auch am Gymnasium Petrinum und später auch an der (Hittorf-) Oberrealschule; 1902 folgte die Benennung der Sedanstraße in Recklinghausen-Süd. 1888 gaben Stadt- und Landgemeinde Recklinghausen ein Ehrenmal in Auftrag, das am Lohtorfriedhof an die Kriegsgefallenen erinnern sollte und 1927 zum Bismarckplatz verlegt wurde. Darauf weisen vier Namen unmittelbar nach Recklinghausen: Fimpler, Döing, Bergmann und Flögel. 43 Jahre nach dem Friedensvertrag von Frankfurt/Main (10. Mai 1871) gab es wieder Krieg gegen Frankreich. Fast 2.300 Recklinghäuser Soldaten kehrten nicht zurück.  

Text von Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes

Weitere Informationen:
Weitere Informationen:
Datum
02.09.2020


Veranstaltungskalender

Zur Veranstaltungssuche

Museen

Ikonenmuseum_aussen
In Recklinghausen gibt es verschiedene Museen zu entdecken, darunter das Ikonen-Museum und die Kunsthalle. Mehr

Wohnmobilstellplatz am Erlbruch

Wohnmobil

Im Wohnmobil in direkter Nähe zur Altstadt übernachten - das ist jetzt möglich: Auf dem Parkplatz P9 am Erlbruch. Hier stehen drei Stellplätze für Wohnmobile bis 7,50 Meter und drei Stellplätze für Wohnmobile bis 10,5 Meter zur Verfügung. Mehr

Umfrage
Viele Künstler werden bei den Ruhrfestspielen 2014 wieder auf den Bühnen Recklinghausens stehen. Welche Angebote mögen Sie am Liebsten?






Auswertung anzeigen
Insgesamt: 162 abgegebene Stimmen.
Broschüren und Pläne
Broschueren Titelblatt-Montage
Ob Sie Recklinghausen zu Fuß entdecken wollen, eine Übernachtungsmöglichkeit suchen oder einen Überblick zu unseren Museen bekommen möchten: Mit unseren Broschüren und Plänen können Sie sich informieren und Ihren Besuch planen. Einige Broschüren gibt es auch in verschiedenen Sprachen.
Gedenkbuch

 
Karte Staetten der Herrschaft

Sich mit der NS-Diktatur auseinandersetzen, Möglichkeiten des Engagements schaffen und sich so gegen das Vergessen des Nazi-Terrors einsetzen - dafür steht das Online-Gedenkbuch. Mehr

VCC bietet Häuser und Flächen für Veranstaltungen

Ruhrfestspielhaus

Sie haben ein Konzept, aber keinen Ort? Der Eigenbetrieb Vestisches Cultur- und Congresscentrum Recklinghausen (VCC) vermarktet die Veranstaltungshäuser und -flächen der Stadt Recklinghausen. Mehr