3.19 St. Peter: Die Sprache der Trümmer

Als Integrationssymbol Recklinghäuser Stadtgeschichte hat der langjährige Stadtarchivar Dr. Werner Burghardt die Propsteikirche St. Peter bezeichnet. Religiös war sie der Kristallisationsort der katholischen Bevölkerung, die 68 Prozent der Einwohnerschaft ausmachte. Der Nationalsozialismus war seit 1930 in bischöflichen Erklärungen, die von den Kanzeln verlesen und in katholischen Tages- und Verbandszeitungen abgedruckt wurden, als christentumsfeindliche Irrlehre abgelehnt, aktive NSDAP-Anhänger gar vom Sakramentenempfang ausgeschlossen worden.

Unmittelbar nach dem Wahlsieg 1933 waren die SA-Formationen demonstrativ in die Kirchen gedrängt, um so der offiziellen Linie des NSDAP-Programms vom „positiven Christentum“ Nachdruck zu verleihen. Der Versuch, in geschlossener Formation am Volkstrauertag, dem 12. März, am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen, scheiterte zwar in St. Peter, doch sahen sich nun „Zentrumspropst Heiermann“ und andere Geistliche öffentlichen Angriffen ausgesetzt. Zudem hatte sich Reichskanzler Hitler selbst öffentlich beklagt, als  „Abtrünniger“  „zu seinem Leidwesen“ von Gottesdiensten ausgeschlossen zu sein. Der zunehmende Druck blieb nicht ohne Wirkung: Am 23. März 1933 kam es in Liebfrauen erstmalig zu einem kirchlichen Begräbnis eines Nationalsozialisten. Die Angst vor der Welle der  nationalen Aufbruchsstimmung  führte zur teilweisen Rücknahme der Warnungen. Mit dem Abschluss des Konkordats vom 20. Juli 1933 sollte die Unabhängigkeit der Kirche und die Existenz der Verbände verteidigt werden. Das NS-Regime nutzte die Unterzeichnung des Vertrages mit dem Vatikan aber geschickt als Prestigegewinn.

Die zeitweilige Phase der Illusion hatte aber bereits 1934 in den kirchlichen  Auseinandersetzungen mit Rosenbergs „Neuheidentum“ ein Ende gefunden. Es folgten die NS-„Entkonfessionalisierungs“-Kampagnen (1935), die sogenannten Devisenschieber- und Sittlichkeitsprozesse gegen Priester und endlich eine offene Kirchenaustrittspropaganda der NSDAP (ab 1936).

Die offene Konfrontation zwischen Kirche und Regime - in Recklinghausen wurde die Einrichtung der NSDAP-Kreisleitung direkt am Kirchplatz von vielen so verstanden - wurde ein Jahr nach dem Propagandacoup der Olympischen Spiele (1936) ebenfalls vor der Weltöffentlichkeit ausgetragen. Papst Pius XI. wandte sich mit seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ in einem Rundschreiben an die ganze Weltkirche gegen die „physische Gewalt der Kirchenbedränger“. Auf dem Höhepunkt außenpolitischer Erfolge des NS-Regimes klagt der Vatikan unter Berufung auf das Konkordat das Regime der „Vertragsumdeutungen, der Vertragsumgehungen, der Vertragsaushöhlungen“ an. Am Palmsonntag 1937 wurde das Schreiben in allen Pfarrkirchen nicht nur verlesen, sondern der Text auch verteilt, wobei im Bistum Münster mit einer Auflage von 120.000 heimlich hergestellter Schriften 40 % aller Drucke verteilt wurden. Das Regime reagierte auf die „schweren Angriffe“ auf Staat, Regierung und das Ansehen im Ausland mit der Enteignung aller 13 beteiligten Druckereien.

Dies auch deshalb, weil im Schreiben unmissverständlich in sieben Kapiteln die grundsätzlichen weltanschaulichen Gegensätze herausgestellt wurden: „Wer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder den Träger der Staatsgewalt … zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie zum Götzenkult vergöttert, der verkehrt und verfälscht die gottgeschaffene … Ordnung.“ Die Ersetzung allgemeingültiger Menschenrechte durch die Parole „Recht ist, was dem Volke nützt“, so die eindeutige Warnung, bedeute in der Konsequenz, „im zwischenstaatlichen Leben den ewigen Kriegszustand zwischen verschiedenen Nationen“. Das päpstliche Rundschreiben oder Hirtenbriefe, wie der der rheinisch-westfälischen Bischöfe vom 20.03.1942 mit dem Bekenntnis zu „natürlichen Rechten“ jedes Menschen, wie die auf „persönliche Freiheit“ und „auf Leben“ und dem Protest „gegen die Tötung Unschuldiger“ trugen zur Immunisierung und zur Stabilisierung einer Gegenöffentlichkeit im totalitär organisierten Staat bei.

St. Peter nachSt. Peter nach dem 13. September 1944 (StA RE, Repro: A. Winter) dem 13. September 1944 (StA RE, Repro: A. Winter)

„Gebe Gott, dass die ganze Gemeinde die Sprache der Trümmer verstehe“, notierte Kaplan Köster, als der entfesselte Bombenkrieg am 13. September 1944 auch St. Peter zerstörte. Sechs Menschen fanden dabei im zerstörten Petrushaus und anliegenden Häusern den Tod. Wie Köster den Schlusssatz seines internen Berichts vom November verstand, wurde einen Monat später deutlich, als der Präses der Kolpingfamilie wegen seiner Kriegskritik von der Gestapo in Haft genommen wurde, aus der ihn erst die Amerikaner später befreiten.

So standen die Recklinghäuser am Kriegsende vor den Trümmern ihres Stadtsymbols, unübersehbares Mahnmal der Folgen einer totalitären Gewaltherrschaft und des von ihr entfesselten ebenso „totalen Krieges“ - von vielen aus ideologischer Verblendung gestützt oder aus Angst oder Anpassung mitgetragen.Der kriegszerstörte Christus-Torso in St. Peter

Der kriegszerstörte Christus-Torso in St. Peter (Foto: G. Möllers)

Das beim Bombenangriff zerstörte Triumpfkreuz (15. Jh.) wurde beim Wiederaufbau der Kirche bewusst nicht restauriert. Der zerstörte Christus-Torso steht als unübersehbares Mahnsymbol am Eingangsbereich des Chorraumes. Er wurde beim Jubiläum „1200 Jahre Christliche Gemeinde Recklinghausen“ 1989/90 und zur Jahrtausendwende 2000 durch alle Kirchen und Kapellen der Stadt getragen und gilt heute ein Anruf an alle, die christlichen und menschlichen Werte von Menschenwürde, Menschenrechten und Mitmenschlichkeit im Alltag zu vertreten und zu verwirklichen.

[Vgl. 3.16 St. Peter: Die Sprache der Trümmer (Propsteikirche St. Peter), in: Geck, Möllers,  Pohl, "Wo du gehst und stehst…", Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933 bis 1945, Recklinghausen, Recklinghausen 2002, S. 155ff.]

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