3.10 In „stolzer Trauer“ - Heroische Frontbriefe

„Möge es tröstlich sein, dass Ihr Sohn, der im Leben fröhlich war, auch sein Leben freudig hingegeben hat.“ Das Schreiben des Regiments-Kommandeurs an die Mutter des erschossenen Klemens Stübbe  (Abitur-Jahrgang 1937) muss uns heute makaber, ja zynisch vorkommen. Liest man zwischen den Zeilen, so war der unerfahrene „frische und schwungvolle junge Offizier“ ganz offensichtlich in einem blutigen Gefecht angesichts der „Offiziersverluste“ regelrecht verheizt worden. Der gerade erst übernommenen Kompagnie in „jugendlicher Begeisterung“ vorausstürmend, hatte er bereits den ersten Einsatz nicht überlebt. Und doch ist dieser in „wärmster Anteilnahme“ geschriebene Brief in seiner unpolitischen, persönlichen Form eine positive Ausnahme, da er die zunehmend standardisierte und überhöhte Heldenrhetorik vermeidet. Da ist das Schreiben vom 22.11.1943 an die Angehörigen des „in höchster soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneide, für Großdeutschland gefallenen“ Johannes Rottwinkel (Abiturientia 1942) schon typischer.

Angesichts der immer massiver werdenden Verluste, die Hitlers Angriffskriege produzierten, waren es nicht nur die in Schulen und HJ  anerzogene Kampfbegeisterung und die in der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie in Radio, Wochenschau und Durchhaltefilmen und in der Presse vermittelten heroischen Blitzkriege oder später auch der strategischen Rückzüge auf dem Weg zum Endsieg, die die Bevölkerung beeinflussten. Die „Heimatfront“ stand zunehmend unter dem Eindruck der persönlichen Familienerfahrungen. Millionen von Großeltern, Vätern, Müttern, Geschwistern, Freundinnen, Ehefrauen und Freundeskreise warteten auf Lebenszeichen ihrer Angehörigen. Jede Todesnachricht und vor allem die wachsende Zahl der Gefallenen konnten als Kontrast zur Siegpropaganda verstanden werden. So dürfen auch die Todesbenachrichtigungen von der Front nicht als „privat“ verstanden werden. Sie mussten der Kriegspropaganda angepasst und untergeordnet werden:

Die Kondolenzschreiben nennen Ort und Datum des Todes und ordneten sie in den großen Zusammenhang bedeutender Kämpfe ein. Die Gefallenen werden als „leuchtendes Vorbild als Soldat und Kamerad“, als die „Besten der Kompagnie“, als die „Tapfersten“ und „Schneidigsten“ vorgestellt, die zur Ehrung wegen „Tapferkeit“ bereits vorgeschlagen worden seien oder denen man sie posthum verliehen habe. Der Tod der „gefallenen Helden“ wird in dem Kampf „für die Größe und den Bestand unseres Volkes und Reiches und für seinen Führer“ eingeordnet.

Diese ideologische Sinnstiftung spiegelt sich regelmäßig in der Standardbezeichnung von der „stolzen Trauer“ in den Todesanzeigen der Ortspresse wider. Eine Todesanzeige, die weder auf diese Begrifflichkeit, noch auf die Deutung vom „Heldentod“ zurückkehrte, sondern stattdessen vom „tiefen Schmerz“ sprach, entsprach nicht der offiziellen Sinnstiftung des Kriegstodes.

Zur Trauerbewältigung für die Angehörigen sollten immerhin Darstellungen von einem würdigen Begräbnis und einer schönen Grabanlage beitragen: „In der Abenddämmerung gegen sieben Uhr haben wir ihn dann unter Ehrensalven der deutschen, rumänischen und feindlichen Artillerie begraben – sein Kompanieführer, ich, der Oberfeldwebel des Zuges und ein Feldwebel des Nachrichtenzuges senkten den Gefallenen in einer Wolldecke in die Erde und schaufelten sein letztes Bette zu“,  heisst es in einem Schreiben an die Angehörigen des am 28.09.1941 in Russland gefallenen Ulrich Klotz. In den ersten Kriegsjahren gab es sogar „Gräberoffiziere“, die die Grablege und Informationen der Verwandten organisierten; für viele Familien in den letzten Kriegsjahren blieb nur die lapidare Nachricht „gefallen im Osten“.

Das große Lohtor-Mahnmal, 1928 zur Erinnerung an 2279 namentlich aufgeführte Gefallene des Ersten Weltkriegs errichtet, ist heute die Gedenkstätte für die zahlreichen Opfer der NS-Herrschaft und des von den Nationalsozialisten entfesselten Kriegs.

(Georg Möllers)

 

„...Sein Leben freudig hingegeben“

[Klemens Strübbe (Abiturientia 1937), gefallen 31.7.1941]

Kommandeur
Rgt.-Gefechtsstand, den 4.8.1941
des Infanterie-Regiment 78

Sehr verehrte gnädige Frau.
Es ist mir außerordentlich schmerzlich, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn Clemens in den Kämpfen der vergangenen Tage gefallen ist. Ganz gegen den Wunsch dieses frischen und schwungvollen jungen Offiziers wurde er zunächst nicht unmittelbar an der Front verwendet. Als aber die Offiziersverluste sich mehrten, und ich ihm eröffnen konnte, dass nunmehr seine Stunde geschlagen und er eine Kompanie übernehmen solle, ging ein Leuchten über sein Gesicht. In kürzester Frist übernahm er die im harten Kampf befindliche 9. Kompanie und riss sie durch seine jugendliche Begeisterung und seinen vorbildlichen Mut vorwärts. Leider war es ihm nicht vergönnt die Kompanie zum endgültigen Sieg zu führen, da er schon bald seine erste Verwundung erlitt. In dem weiteren harten Kampfverlauf erhielt er eine zweite schwere Verwundung, an deren Folgen er noch in derselben Nacht im Feldlazarett verschied.
Das Regiment steht in stolzer Trauer an der Bahre dieses ewig fröhlichen und draufgängerischen Offiziers, der seinen Untergebenen Vorbild und den Kameraden vorbildlicher Kamerad war.
Mit dem ganzen Offizierskorps des Regiments nehme ich Anteil an Ihrem bitteren Schmerz.
Das Regiment ist stolz auf Leutnant Clemens Strübbe, der in vorbildlicher Weise seine Offizierspflichten erfüllte und schliesslich das grösste Opfer für das Regiment gab.

Möge es Ihnen tröstlich sein, dass Ihr Sohn, der im Leben immer fröhlich war, auch sein Leben freudig hingegeben hat.

In wärmster Anteilnahme
Ihr ergebener
Butze, Oberst

 

„Er gab sein junges Leben für die Größe und den Bestand seines Volkes“

[Johannes Rottwinkel (Abiturientia 1942), gef. 14. 11. 1943]

J.Gärtner
Im Felde, den 22.November 1943
Leutnant und Komp.-Führer
Feldpostnummer 05 403 E

Herrn Anton Rottwinkel
Hüls/Recklinghausen
Hülsstr. 77

Sehr geehrter Herr Rottwinkel,
Als Kompanie-Führer habe ich die traurige Pflicht, ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn Gefreiter und R.O.B. Johannes Rottwinkel am 14. November 1943 bei den harten Kämpfen im Kampfraum Newel, bei Brod in höchster soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneide, für Großdeutschland gefallen ist.
Ich spreche Ihnen zu dem schmerzlichen Verlust, zugleich im Namen seiner Kameraden, mein herzliches Beileid aus. Durch den Heldentod Ihres Sohnes verliert die Kompanie einen ihrer Besten. Trotz der kurzen Zugehörigkeit zur Kompanie hat er sich als Gewehrführer durch seinen unermüdlichen Fleiß, seine vorbildliche Haltung, edle Kameradschaft und besondere Tapferkeit ausgezeichnet.
Seinen Kameraden war er ein leuchtendes Vorbild als Soldat und Kamerad. Aufgrund seiner guten Fähigkeiten und vorbildlichen Charaktereigenschaften versprach er, ein guter Offizier zu werden. Ein Brustschuß, der seinen sofortigen Tod herbeiführte, nahm ihm sein junges und hoffnungsvolles Leben. Die Kompanie wird ihm ein bleibendes Andenken bewahren und bemüht sein, Ihnen nach Fertigstellung einer photographischen Aufnahme sein Heldengrab als letztes Andenken zu überreichen.
Weit von der Heimat und seinen Lieben stand Johannes Rottwinkel im größten Schicksalskampf seines Volkes. Er gab sein junges Leben für die Größe und den Bestand unseres Volkes und Reiches und für seinen Führer. Möge Ihnen diese Gewissheit ein Trost in dem schweren Leid sein, das Sie betroffen hat.
Auf dem Heldenfriedhof 800m westlich Brod, an der Rollbahn Sabelje-Pustoschka, wurde Ihr Sohn gemeinsam mit seinen gefallenen Kameraden in Beisein des Divisionspfarrers in feierlicher Form beigesetzt. Ein schlichtes Kreuz bezeichnet seine letzte Ruhestätte.
Die vorgefundenen Eigensachen Ihres gefallenen Helden werden Ihnen gesondert per Einschreiben zugesandt.
In aufrichtigem Mitgefühl grüßt Sie mit Heil Hitler!

gez. Gärtner Ltn. und Komp.Führer

Ausführlich: Georg Möllers, Kein „Ehrenbuch“ für „Heldengräber“, in: Petrinum. Das Schulmagazin  35 (2003), S. 88- 108. Dort sind die dokumentierten Briefe aus dem Schularchiv des Gymnasium Petrinum abgedruckt.

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