2.21 Die Beseitigung der christlichen Bekenntnisschulen

„Mit der nationalsozialistischen Staatsführung zog auch ein neuer Geist in den gesamten Unterricht ein“. So vermeldete die Chronik der Paulusschule bereits am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam“ die erste einer unablässigen Folge politischer Indoktrinationsfeiern, die den Prozess der Gleichschaltung der Bildung begleiteten. Während die jüngeren Jahrgänge der „Führerrede“ im Vorführraum der Schule lauschten, zogen Lehrer und die Jahrgänge 5 – 8 zur zentralen Feierstunde der Volksschulen in den Saalbau und nahmen abends am Fackelzug teil. Von nun an gehörten „Tag der Machtergreifung“, „Führergeburtstag“ und Rundfunkübertragungen zentraler Ereignisse des Regimes ebenso zum Schulalltag, wie die Hissung der Hakenkreuzfahne zu Schuljahresbeginn und andere Rituale. Für den inhaltlichen Wandel standen etwa die Einführung der Stunden für „Vererbungslehre, Familien- und Rassenkunde und Rassenhygiene im Schuljahr 1933/34, die Erhöhung des Sportunterrichts auf fünf Wochenstunden für die Klassen 5 – 8 im Schuljahr 1937/38 und die gleichzeitige Rückstufung des Religionsunterrichts.

Hitler-Parolen auf den Entlass-Zeugnissen

Hitler-Parolen auf den Entlass-Zeugnissen  1937 (L. Nolte, Chronik der Paulusschule)

Mit einer jüdischen, 12 evangelischen und 22 katholischen Volksschulen hatte die NSDAP beim Machtantritt eine konfessionell geprägte Schullandschaft vorgefunden. In den Volksschulen wurden 1936 über 2/3 der 18.810 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Auf einer Großkundgebung des NS-Lehrerbundes im Saalbau erklärte Gauobmann und Regierungsrat Reimpell Anfang Februar 1934 dazu: „Christentum muß heldisch sein. Es wurde in Knechtschaft umgedeutet … . In der Religionsstunde muss der Pfarrer, der Kaplan, der Lehrer mit seinen Kindern die Hände falten, gemeinsam mit ihnen für Deutschland beten, ihnen den Glauben an Deutschland geben, das ist wahre Religion.“

Mit seiner Kampfansage gegen die „Priesterherrschaft“ zielte er also genau auf diese religiös geprägte und sozialisierte Erziehungskultur. 1935 begann deshalb die systematische Verdrängung der Geistlichen aus den Schulen; ab 1937 wurde ihnen die Erteilung des Religionsunterrichts grundsätzlich verboten. Gleichzeitig nahm der Druck auf die Lehrerschaft zu, zunächst ihr Engagement in kirchlichen Jugendverbänden, dann auch für den Religionsunterricht einzustellen. 1938 nahmen bereits 92% der Schülerschaft der Klassen 4 – 8 der Paulusschule am separaten Religionsunterricht der benachbarten Kirchengemeinde teil. Einen Tag nach der Pogromnacht 1938 rief der NSLB die Lehrer erneut zur „sofortigen Niederlegung“ des Religionsunterrichts auf, „da wir eine Verherrlichung des jüdischen Verbrechervolkes nicht mehr dulden können“ und schickte gleich die entsprechenden Formblätter mit.

An der Paulusschule hatte der Grundsatzstreit um das NS-Erziehungsmonopol bereits 1935 zum offenen Konflikt geführt. Eine Auseinandersetzung um den „Deutschen Gruß“ zwischen Kaplan Günter Wewels und einigen Schülern und HJ-Mitgliedern, darunter einem Neffen des Ortsgruppenleiters, führte zum Verbot für Wewels, im Regierungsbezirk Religionsunterricht zu erteilen. Gleichzeitig wurde auch Schulleiter Ernst Harten zwangsversetzt.

1936/37 begann die Kampagne zur Abschaffung der Bekenntnisschulen. So ließ im April 1937 der Rektor der Katholischen Rombergschule in Zusammenarbeit mit Konrektor und NS-Ortsgruppenleiter eine Abstimmung durchführen und hängte die Kreuze in der Schule ab. Gegen die Opposition im Kollegium ging Regierungsrat Reimpell disziplinarisch vor. Der Kanzelprotest der Recklinghäuser Geistlichkeit wie auch in anderen Teilen des Münsterlandes 1936/37 führten zunächst zur Einstellung der Kampagne.Kindereindrücke: „Hitler spricht“

Kindereindrücke: „Hitler spricht“. Ludwig Boese, Kl. 2a, 1940 (L. Nolte, Chronik der Paulusschule)

1939 wurde die „Deutsche Gemeinschaftsschule“ dann auf administrativem Wege ohne formelle Abstimmung durchgeführt. Am 26.02.1939 kam es nach der Verlesung eines Hirtenwortes des Bischofs von Galen in den Kirchen zu einem Plebiszit für die Bekenntnisschulen – eine einmalige Herausforderung an die Staatsparole der Einheit von Volk und Führer. Mit dem Ergebnis von 98,7% Zustimmung der 824.122 Gottesdienstbesucher im Bistum wandte sich Galen am 8. März (vergeblich) an Hitler. Der feierte eine Woche später mit dem Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ einen neuen militärischen Erfolg, so dass innenpolitische Rücksichten keine Rolle mehr spielten.

Mit der völligen Zerschlagung der gewachsenen Lehrerkollegien wurden Ostern 1939 die Gemeinschaftsschulen exekutiert. Prägnantes und aussagekräftiges Symbol der geistigen Gleichschaltung war die stadtweite Umbenennungsaktion der Volksschulen zum 50. Geburtstag Hitlers im selben Jahr. Statt Paulus, den NS-Ideologe Alfred Rosenberg in seiner antichristlichen und antisemitischen Kampfschrift „Mythus des 20. Jahrhunderts“ bereits 1930 bekanntlich für die „Verbastardierung, Verorientalisierung und Verjudung des Christentums“ verantwortlich gemacht hatte, wurde Ernst vom Rath neues Vorbild als Namensträger dieser schulischen Bildungseinrichtung nahe der St. Pauluskirche. Seine Erschießung in Paris hatte den Vorwand zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 geliefert.

[Vgl  2.21„Von der Paulus- zur Ernst-vom-Rath-Schule“ (Paulusschule), in: Geck, Möllers, Pohl, „Wo du gehst und stehst…", Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, Recklinghausen 2002, S. 103-105]

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