1.11 Das Ende des „politischen Katholizismus“

Einflussreichste politische Kraft in Recklinghausen bis 1933 war die Zentrumspartei, die auf Reichsebene zusammen mit liberaler DDP und SPD die demokratische Weimarer Verfassung durchgesetzt hatte. Bis zum Staatsstreich gegen die preußische Regierung 1932 regierte diese demokratische „Weimarer Koalition“ auch das mit Abstand größte Land Deutschlands. Im Gegensatz zu anderen Parteien der politischen Mitte überstand die Partei auch die wirtschaftliche und politische Krise ab 1929/30 mit erstaunlicher Stabilität. Bei den Reichstagswahlen zwischen 1930 und 1932 konnten im Kampf „gegen jede Diktatur-, Partei-, Klassen- oder Kastenherrschaft“ (RVZ 15.07.1932) sogar noch 2000 Stimmen in der Stadt gewonnen werden; mit ca. 29 % blieb das Zentrum stärkste Partei.

Die Parteizentrale an der Wickingstraße 17 signalisierte dabei mit dem programmatischen Namen „Kettelerhaus“ die Stärke der christlich-sozialen Kräfte innerhalb des politischen Katholizismus der Stadt. Rückgrat des Zentrums war nämlich nicht die schwache Parteiorganisation, sondern die Verankerung im weitgefächerten katholischen Verbandswesen. Dazu gehörten an die 50 religiös-spirituell, caritativ, bildungs- oder gesellschaftspolitisch ausgerichteten Vereinigungen mit Einzelgruppen in allen Stadtteilen.

Der letzte Wahlkampf stand landesweit bereits unter Ausnahmerecht, wie z. B. der „Reichstags-Brandverordnung“. Terror, Einschüchterungen und SA-Aktionen gegen das Büro im Kettelerhaus einigten den politischen Katholizismus im Kampf gegen den „Hakenkreuzgeist“. Gemeinsame Erklärungen aller katholischen Verbandszentralen gegen die Nationalsozialisten, Wahlaufrufe der Bischöfe und Großkundgebungen stabilisierten bei der Reichstagswahl am 05.03.1933 zwar die Wählerschaft mit 13.129 Stimmen (26,7 %), doch fiel sie erstmals deutlich hinter den von 9.767 auf 16.737 (34,1 %) Stimmen hochgeschnellten Wahlerfolg der NSDAP zurück. Eine Woche später wurde die NSDAP auch bei der Kommunalwahl stärkste Fraktion und erhielt mit ihren „nationalen“ Verbündeten die Mehrheit im Rathaus.

Verleumdungskampagnen gegen die „Bonzenherrlichkeit“ und Aufdecken von „Skandalen“ und „Verfehlungen“ führender Demokraten gehörten zur „Gleichschaltungswelle“ der NSDAP, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasste. Franz Bielefeld (MdR) wurde 1933 als Handwerkskammerpräsident Westfalens, der letzte Parteivorsitzende Dr. Wilhelm Hülsen 1934 wurde als Schulleiter abgesetzt und nach Arnsberg abgeschoben. Nachdem im März das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt und die Bischöfe ihre Ablehnung des Nationalsozialismus öffentlich relativiert hatten, suchten katholische Verbände und Gewerkschaften Mitte 1933 etwas mit Aufrufen zur Teilnahme an den Maifeiern den Anschluss an den „nationalen Aufbruch“. Unter dem Gleichschaltungsdruck löste sich am 5. Juli als letzte Partei auch das Zentrum auf.

Besonderes Aufsehen erlangte die Hinrichtung Dr. Erich Klauseners, Vorsitzender der Katholischen Aktion in Berlin, der am 30.06.1934 in seinem Büro im Berliner Regierungsviertel von der SS ermordet wurde.

Der Verwaltungsfachmann und Zentrumspolitiker, der sich als „sozialer Landrat“ (1919 - 1924) in Recklinghausen und Vorsitzender seiner Fraktion im Ruhrsiedlungsverband Ansehen erworben hatte, war bis 1926 im preußischen Wohlfahrtsministerium, dann als Mitarbeiter Carl Severings (SPD) im Innenministerium tätig gewesen, wo er als Verfechter eines harten rechtsstaatlichen Kurses gegen die Republikfeinde galt. Der Mord auf Anordnung Görings galt dem „gefährlichen Katholikenführer“, nicht seiner letzten Rolle als Ministerialrat im eher unpolitischen Reichsverkehrsministerium, wohin er abgeschoben worden war. Dass das Regime Klausener nicht nur die Beteiligung am sogenannten „Röhm-Putsch“ unterstellte, sondern den gläubigen Christen zur Vertuschung der Tat zudem als Selbstmörder hinzustellen versuchte, erregte die Bevölkerung zusätzlich. Die Mordaktionen und andere Konfliktfelder waren mitverantwortlich für das schlechte Abschneiden Hitlers bei der zweiten Volksabstimmung 1934. Dabei war die Zustimmung in Recklinghausen von 99, 3 % (1933) auf 82,6 % (Reichsdurchschnitt: 89,9 %) bei 17,4 % Nein-Stimmen abgestürzt. Verantwortlich dafür machte die Partei intern und öffentlich den „politischen Katholizismus“, womit vor allem der gesellschaftliche Einfluss und das Engagement der unter Konkordatsschutz stehenden Verbände gemeint war.

Gegen den politischen Katholizismus

Gegen den politischen Katholizismus, Titel bis incl. „Görings Erlaß“ ohne Kommentar, Recklinghäuser Zeitung, 19. Juli 1935

Gegen die Resistenz von Kirche und katholischem Milieu gegen die organisatorische und weltanschauliche Gleichschaltung setzte die NS-Propaganda ihre Angriffe auf den  „politischen Katholizismus“ fort. Dies betraf sowohl unangepasste Predigten und Verhaltensweise des Klerus wie der noch existierenden Verbände.

Nach Großwallfahrten der katholischen Arbeitervereine (auch Recklinghäuser Verbände),  wie 1934 nach Mainz (30000 Teilnehmer)  oder zum Annaberg 1935 (10.000) und ihrer Ablehnung  gegen die Gleichschaltung in der DAF wurden die KAB am 16.09.1935  im Regierungsbezirk Münster wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ aufgelöst und die Verbandsführung im Polizeipräsidium Recklinghausen verhört. Die arbeitslos gewordenen Arbeitersekretäre Anton Hoppe und Bernhard Winkelheide - letzterer hatte zu den Mitorganisatoren der großen Wallfahrten gehört - wurden zunächst im Verlagshaus Bitter angestellt. Über die vor 1933 strikt antinationalsozialistische „Westdeutsche Arbeiterzeitung“ - nach Beschlagnahmung von 1935 bis zum endgültigen Verbot 1938 „Ketteler Wacht“ -blieben eingeschränkte Möglichkeiten des Zusammenhalts; ihre Redakteure, wie die zentrale Verbandsführung im Kölner Kettlerhaus, darunter Bernhard Letterhaus und Nikolaus Groß, wurden 1944 nach dem Hitlerattentat hingerichtet.

[Vgl. 1.8 Das Ende des „politischen Katholizismus“ (Wickingstr. 17,) in: Geck, Möllers, Pohl, „Wo du gehst und stehst…“ , Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, Recklinghausen 2002, S. 27-29]

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