Aktuelles Recklinghausen

Titel
Recklinghausen und das Kriegsende am 8. Mai 1945
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Der letzte Akt
Einleitung
Das epochale Datum des 8. Mai 1945 war ein Dienstag, an welchem der Zweite Weltkrieg in Europa sein Ende fand.
Haupttext


Der formale Akt, der sich an zwei Orten vollzog, war nüchtern und ohne Feierlichkeit: von Stadtarchivar Dr. Matthias Kordes

Denn die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunden durch hochrangige Vertreter der Wehrmacht sowie der alliierten Streitkräfte war ein technisches Abkommen, das ausschließlich von Militärs vollzogen wurde; das staatsrechtliche und politische Ende des „Dritten Reiches“ war damit noch keinesfalls erreicht.

Die entscheidenden Unterschriften wurden zunächst in Reims, im „Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force“ (SHAEF), geleistet, wo sich das Oberkommando der westalliierten Streitkräfte befand. Das geschah am 7. Mai 1945 zwischen 2 und 3 Uhr nachts. Die Vereinbarung sollte zum 8. Mai, 23.01 Uhr Londoner Zeit, wirksam werden, bis 15 Uhr galt eine Nachrichtensperre. Aber auf Drängen Stalins wurde am 9. Mai kurz nach Mitternacht im Kasino einer deutschen Offiziersschule in Berlin-Karlshorst eine zweite Unterzeichnung und Ratifizierung vollzogen und mit berühmten Fotos weltweit publik gemacht. 

Auf die Lebensumstände der Zivilbevölkerung hatte die Kapitulation kaum mehr unmittelbare Wirkung, denn der Großteil Deutschlands war Anfang Mai 1945 bereits erobert, besetzt, befreit und von keinen Kampfhandlungen mehr betroffen – auch der alliierte Luftkrieg hatte am 24./25. April mit Angriffen auf Bad Oldesloe (700 Tote) und Wangerooge (300 Tote) bereits sein Ende gefunden. Symbol für die Niederwerfung des Deutschen Reiches zwei Wochen vor der Kapitulation war das Aufeinandertreffen amerikanischer und sowjetischer Truppen am 24. und 25. April 1945 in Strehla bzw. Torgau an der Elbe – also mitten in Deutschland –, Ähnliches wiederholte sich am 3. Mai zwischen britischen und sowjetischen Einheiten bei Schwerin. In Tschechien, in Teilen Österreichs, Norditaliens, Südtirols und Sloweniens, in den nördlichen Niederlanden, in Ostfriesland, Schleswig-Holstein, im Westen Lettlands (damalige Bezeichnung: Kurland) sowie in Dänemark und Südnorwegen gab es allerdings noch bis Anfang Mai 1945 intakte deutsche Truppen. 

Bedeutete der 8. Mai auch für die Menschen in Recklinghausen eine Zäsur? Zweifel sind erlaubt. Recklinghausen hatte schon fünf Wochen zuvor Krieg und NS-Herrschaft hinter sich gelassen. Schon am Ostersonntag, dem 1. April 1945, als das 134. US-Infanterie-Regiment unter Befehl von Generalmajor Butler B. Miltonberger nach eintägigem Kampf die Stadt eroberte, begann ein neuer Zeitabschnitt. Ab 2. April wurden durch die Stadtverwaltung, an deren Spitze nun der vormalige Stadtschulrat Dr. Joseph Hellermann als ernannter neuer Oberbürgermeister stand, Bekanntmachungen der Besatzungsmacht durch Aushänge publik gemacht, darunter der Befehl zur Ablieferung von Foto-Apparaten und Ferngläsern, nächtliche Ausgangsbeschränkungen und das Verbot, Autos und Fahrräder zu nutzen. 

Schon in einer ersten Proklamation General Eisenhowers von März 1945 hatte es geheißen, dass „alle Beamten verpflichtet sind, bis auf Weiteres auf ihren Posten zu verbleiben und alle Befehle der Militärregierung zu befolgen“. Im Rathaus, d.h. im Dienstzimmer des längst untergetauchten NS-Oberbürgermeisters Irrgang, wurde durch US-Colonel Schneider eine Stadtkommandantur eingerichtet, bevor sein Regiment im Laufe des April am weiteren Vormarsch alliierter Truppen teilnahm und erst nördlich von Magdeburg zum Stehen kam. Nachrückende US-Einheiten, die nicht mehr an Kampfhandlungen beteiligt waren, übernahmen die Kontrolle über Recklinghausen, aber nur bis Anfang Juni 1945, d.h. bis zur Ankunft der Briten. Die Unterbringung von Obdachlosen sowie die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung und zahlreicher Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter gehörten zu den Hauptaufgaben im April/Mai 1945. Dabei war die Sterblichkeit weiterhin hoch: Ehemalige Kriegsgefangene wurden Opfer von Krankheiten und Unterernährung, noch immer erlagen Menschen aus dem Nordviertel schweren Verletzungen, die sie beim Bombenangriff vom 23. März erlitten hatten. 

Wie erfuhren die Menschen in Recklinghausen von den Geschehnissen der allerletzten Kriegstage? Deutsche Tageszeitungen gab es ja nicht mehr (die RZ hatte mit der Ausgabe von Silvester 1944 ihr Erscheinen eingestellt). Verbliebene Anhänger des NS-Regimes hörten Anfang Mai womöglich noch den „Reichssender Flensburg“, der im Sinne der neuen Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz weiterhin NS-Propaganda verbreitete, die meisten anderen aber wohl eher Programme von „Radio Luxembourg“ (seit Herbst 1944 offizieller Sender der SHAEF), des neuen britischen Senders namens „Radio Hamburg“ (später: NWDR) oder Rundfunksendungen der BBC, die schon 1938 ein deutschsprachiges Programm aufgebaut hatte. Vor Einmarsch der Alliierten stand die Todesstrafe auf das Hören solcher „Feindsender“. 

Ferner bedienten sich die Alliierten eines neuartigen Kommunikationsmittels, das sich in hohen Druckauflagen an die deutsche Bevölkerung richtete, ebenso an die vielen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Es handelt sich um eine mediengeschichtlich interessante Quelle, die eine Mischung aus Flugblatt und Tageszeitung darstellt und erstmals am 4. April 1945 erschien. Mittels „Flugblatt-Bomben“ wurden diese Blätter auch über Gebieten abgeworfen, die noch nicht unter alliierter Kontrolle standen. In deutschen Archiven haben sich meist nur einzelne Ausgaben erhalten; zwei Exemplare im Stadtarchiv Recklinghausen, die einer Schenkung zu verdanken sind, haben daher Seltenheitswert: S.H.A.E.F – Das tägliche Organ des Alliierten Oberkommandos erschien auf jeweils einer Seite in vier Sprachen (deutsch, englisch, französisch, polnisch). 

Informiert wurde in vergleichsweise nüchternem Ton und mit einem Tag Verzug über aktuelle militärische und politische Ereignisse. Wiederkehrende Appelle an die „Fremdarbeiter“ zielten darauf ab, Ruhe und Ordnung zu bewahren und mit alliierten Stellen zu kooperieren. So erfuhr man auch über den Selbstmord Hitlers am 30. April, über die Teilkapitulation deutscher Truppen in Norditalien am 2. Mai, die Kapitulation Berlins, Hamburgs und Breslaus (2./6. Mai 1945) sowie über die begrenzten Kapitulationen der Wehrmacht in Nord- bzw. Süddeutschland am 4. und 5. Mai. – Als sich deutsche Generäle schließlich nach Reims aufmachten, wollten sie für den Westen Deutschlands eigentlich nur eine weitere Teilkapitulation aushandeln, doch General Eisenhower bestand nun auf einer „bedingungslosen Gesamtkapitulation“. Dieser Vorgang vom 8. Mai 1945 betraf aber nur noch einen Rest deutscher Streitkräfte (unter anderem in Böhmen, Norwegen und Lettland, auf Bornholm und der Ostsee-Halbinsel Hela, auf Kreta und Rhodos sowie in einigen französischen Hafenstädten).

Für die Verhältnisse in Recklinghausen war das alles ohne Belang. Was jedoch Verfolgung und Festsetzung höherrangiger NS-Funktionsträger und -Verbrecher angeht, entwickelte der Name Recklinghausen bereits im Mai 1945 überregionale Bedeutung. Die Amerikaner errichteten das Civilian Internment Enclosure 91, das sich unter der späteren britischen Bezeichnung Civilian Internment Camp 4 Hillerheide mit Tausenden von Beschuldigten aus ganz Nordwestdeutschland füllte. Die schwierige juristische Bewältigung der NS-Zeit in NRW fand in Recklinghausen einen ihrer Ausgangspunkte. 

Hinweis: 
Die beiden Dokumente vom Mai 1945 können – nach vorheriger persönlicher Anmeldung und unter Beachtung der aktuell geltenden Hygiene-Regeln – zu den bekannten Öffnungszeiten im Lesesaal des Stadtarchivs von Jedermann eingesehen werden.

Datum
08.05.2020


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