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Stadtsiegel

Das mittelalterliche Siegel der Stadt Recklinghausen

Das Bild der Stadt im Mittelalter ist gleichermaßen in der Realität und in der Fiktion geprägt von Türmen, Toren, Torburgen, Mauern, Zinnen, Dächern und anderen hochragenden architektonischen Elementen, die zusammengenommen die Stadt und ihr Antlitz zum unverwechselbaren Siedlungsform machen. Seit dem 12. Jahrhundert treten Städte als eigenständige politische Einheiten, als Rechtssubjekte und öffentlich-rechtliche Körperschaften auf und suchen nach eindeutigen visuellen Symbolen, Hoheitszeichen und Repräsentationsformen.

Den Anfang der gesamten Entwicklung macht Köln, nach neuesten Forschungen vermutlich um 1140. Dieses erste europäische Stadtsiegel überhaupt zeigt den thronenden Hl. Petrus - Dom-, Stadt- und Bürgerpatron gleichermaßen - mit seinen unverwechselbaren Attributen (Himmelsschlüssel und Evangelienbuch) inmitten einer fiktiven Architektur, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte große Bedeutung für die Bildkomposition auf Stadtsiegeln erlangen wird.

Die Siegel von Mainz, Bonn und Neuss folgen zunächst dem "Kölner Modell“ und zeigen den jeweiligen Stadtheiligen stehend oder thronend in einer sakralen Architekturrahmung. Nicht von ungefähr thematisieren die immer zahlreicher werdenden Stadtsiegelbilder seit dem 13. Jahrhundert in immer neuen Formen diese Ikonographie: Meist stehen Türme, Tore, abstrakt angedeutete Gebäude (Kirchen) und gerundete bzw. aufsteigende Mauerwerke im Mittelpunkt der Bildgebung, die nicht realitätsnahen Portraitcharakter hat, sondern emblematischer Natur ist. Oft identifiziert erst die Umschrift mit dem Namen der Kommune eine solche Stadtabbreviatur im Siegelbild, dessen Abdruck auf Wachs der rechtlichen Bekräftigung von urkundlichen Schriftstücken einer Kommune und ihrer Bürger dient.

Erstmals wird das Recklinghäuser Stadtsiegel an einer Urkunde des Jahres 1253 zumindest bruchstückhaft überliefert; das mittelalterliche Recklinghausen reiht sich damit in eine ‚Landschaft’ ähnlich gestalteter, mehr oder minder stark vom Kölner Siegel abgeleiteter westfälischer Städtesiegel ein, die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von Lippstadt (1231) und Soest (1236) über Beckum (1245) bis nach Paderborn (1245) reicht. Einer zeittypischen Entwicklung folgend ist hier das Bild des "zuständigen“ Stadtheiligen zugunsten einer dominanten architektonischen Konstellation aufgegeben worden.

Daher dient der Schlüssel im Stadttor des Recklinghäuser Siegels nicht etwa dem symbolischen "Zugang“ zur Stadt, sondern ist sozusagen der "Rest“ einer Heiligenikonografie, die auf die traditionelle Darstellung von St. Petrus zurückgeht (s.o.): Der Apostelfürst ist ja der Schutzheilige von Stadt und Vest Recklinghausen gleichermaßen und personifiziert die uralte und enge Verbindung Recklinghausens zur Kölner Kirche. Das Kreuz im Scheitelpunkt des Recklinghäuser Stadtsiegels ist wiederum das graphische Symbol für die Bitte um Gottes Gnade und Hilfe bei der legitimen Besiegelung von Rechtsgeschäften, Verträgen und ähnlichem. Das kleine Kreuz ist somit Teil der lateinischen Umschrift, nicht aber Bestandteil des Siegelbildes bzw. des dort sichtbaren zentralen Kirchturmes.

Siegelbeschreibung: Ansteigende Ringmauer, vorn in der Mitte mit offenem rundbogigem und bedachtem Portal, darin ein stehender Schlüssel nach (heraldisch) rechts gewendet.
Über der Ringmauer: Stadtabbreviatur mit befenstertem spitzbedachtem, in einem Kreuz endenden Mittelturm, flankiert von zwei befensterten, haubenbedachten Türmen.

Siegelumschrift: + SIGILLVM. CIVIVM DE RICLENCHVSIN
(Siegel der Bürger von Recklinghausen)

Dr. Matthias Kordes, Stadtarchiv Recklinghausen